EM Nebenschauplatz : EM Nebenschauplatz

Pizza-Boykott? Nicht alle deutschen Fans verzichten seit dem 0:2 im Halbfinale von 2006 auf italienische Küche. Foto: dpa
Pizza-Boykott? Nicht alle deutschen Fans verzichten seit dem 0:2 im Halbfinale von 2006 auf italienische Küche. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Nach dem verlorenen Halbfinale 2006 schwor sich André, nicht mehr bei einem Italiener zu essen. Sein Protest hält bis heute an. Am Donnerstag könnte sein Schwur ein Ende haben. Die erste Pizza seit sechs Jahren wartet. Am Anfang war es nur ein Gag. Kein schlechter, keine Frage.

Es ist Dienstag, der 4. Juli 2006 und die deutsche Nationalmannschaft spielt im Halbfinale des WM-Sommermärchens im Dortmunder Westfalenstadion gegen Italien. André sitzt mit drei Freunden in einer Kneipe in Osnabrück. Kurz vor dem Anpfiff, irgendwann zwischen Bier Nummer zwei und drei, kommt ihm der Geistesblitz: „Wenn wir heute gegen Italien verlieren, essen wir nicht mehr beim Italiener.“

Ein Lacher. Alle stimmen zu. Kein Problem. Prost. Der Gruppenschwur steht. Das nächste Bier kommt. Dann der Anpfiff. Dann die Nachspielzeit. Dann Fabio Grosso. Dann Alessandro del Piero. Und dann der Frust. In der Pizzeria gegenüber jubeln die Tifosi, liegen sich in den Armen und als André später vorbeigeht, schallen Schmährufe durch die Straßen von Osnabrück. Ein Schlüsselerlebnis.

Und André ahnt, was er nun zu tun hat. Er hat Quentin Tarantinos „Kill Bill“ gesehen und weiß: Rache ist ein Gericht, das man am besten eiskalt serviert.

2185 Tage ist jener Abend im Juli heute her und seit 2185 Tagen hat André keinen Fuß mehr in ein italienisches Restaurant oder in eine Eisdiele gesetzt. „Auf einer Härteskala von 1 bis 10 würde ich dem Ganzen eine neun geben“, sagt André. Denn er liebte Pizza, liebte Pasta, liebte Eis. Um seinen Stammitaliener musste er anfangs einen Bogen machen, um „nicht rückfällig zu werden“. Vor allem heiße Sommertage tun weh. Denn während alle lustvoll an ihrem Eis schlecken, steht er im Abseits und schwitzt. Warum tut sich jemand so etwas an? „Ich habe damals eine so tiefe Enttäuschung empfunden wie selten zuvor. Vielleicht ist das immer noch meine Form der Verarbeitung“, sagt er heute. Von seinen Kumpels sind alle irgendwann schwach geworden. Reumütig gestanden sie der Reihe nach, dass sie nicht länger Teil des Schwurs sein können. Heute ist André der letzte Protestler.

Erklärt hat er sich seitdem bereits hunderte Male. Verstehen tun ihn eigentlich nur Männer, Frauen quittieren seinen Protest mit Kopfschütteln und schwingen sich lieber ins nächste Eiscafé. Und oft genug brachte ihn sein Schwur auch in echte Bedrängnis. Einmal bat ihn sein Arbeitgeber, für mehrere Tage nach Italien zu fahren – André sagte ab. „Das kam mittelmäßig an“, erinnert er sich. Und als er einmal mit ein paar Bekannten zum Essen verabredet war, erfuhr er erst auf dem Weg dorthin, dass es zum Italiener gehen sollte. André ließ sich unterwegs an der Pommesbude absetzen. Seine Kollegen fuhren weiter und hatten einen schönen Abend. Sein Lieblingsitaliener hat mittlerweile geschlossen. Vor Monaten hat hier ein Inder eröffnet. Donnerstagabend trifft Deutschland auf Italien. Ungefähr 3 147 840 Minuten dauert Andrés kulinarische Nachspielzeit im Moment des Anpfiffs an. Die Karten werden dann neu gemischt. Auch wenn es nur die Karten der örtlichen Restaurantbetreiber sind. „Falls Deutschland verliert, bin ich bereit, weiterzumachen“, sagt er. Und falls die Löw-Elf gewinnt? „Dann gibt es Pizza!“ Benjamin Kuhlhoff

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