EM  Nebenschauplatz : Ich kann dich nicht riechen

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Ja, gut: Fußballer schwitzen nun mal. Das weiß jeder, wer einmal so todesmutig war, die Umkleidekabine einer Kreisligamannschaft ohne Atemschutzgerät zu betreten, wo Körper dampfen wie heiße Schwämme und im Übrigen auch so aussehen. Sie riechen mal nach Sieg, mal nach Untergang, in jedem Falle aber nach Männern, die gearbeitet haben. Und nicht nach Blumen.

Seit Anbeginn gehört der Schweiß zur Fußballfolklore. Wer nicht schwitzt, hat nichts geleistet. Im Schweiße seines Angesichts. Blut, Schweiß und Tränen. Und wer sich nicht beim Trikottausch mit dem kalten Schweiß des Gegenspielers taufen ließ, der ist kein Profi.

Doch die Industrie trachtet nun mal danach, alles Menschliche aus unserem Leben zu verbannen. Seit Jahren suggeriert sie uns, wir müssten uns desinfizieren, unsere Bäder, Küchen, Kinder, Hunde, Zungen, Seelen. Und nun hat sie erwartungsgemäß auch dem Schweißgeruch, der den Fußballtrikots entströmt, aus ihren aseptischen Laboratorien heraus den Krieg erklärt. Geht es nach ihr, soll diese EM nach nichts riechen. Wenn schon nicht nach Blumen.

Dazu hat sie Schwermetalle und toxische Verbindungen in die Trikotstoffe eingearbeitet, die den Schweiß absorbieren sollen, ja: ihn, wie es in der Katzenstreuwerbung heißt, aufsaugen, bevor Geruch entsteht.

Was klingt wie der Traum reizempfindlicher Unternehmergattinnen, ist der Albtraum der Verbraucherschützer. Sie gaben kurz vor Turnierbeginn eine Warnung heraus: In den Trikots der Deutschen sei der Grenzwert für Blei weit überschritten, die der Portugiesen und Holländer strotzten nur so vor Nickel.

Das ist, man ahnt es, alles andere als gesund. Das Nervensystem kann angegriffen werden, der Hormonhaushalt ins Wanken geraten. Wer nicht stinken will, muss also leiden.

„Fußball-Fans zahlen bis zu 90 Euro für ein Trikot ihrer Lieblingsmannschaft“, schimpft Monique Goyens, Chefin des in Brüssel ansässigen Europäische Verbraucherverbands BEUC. „Es ist nicht akzeptabel, dass diese Produkte derartige Mengen an Schwermetallen aufweisen.“ Fürs Erste rät sie, die Hemdchen vor dem Tragen zu waschen.

Ach, das ist so typisch für die Zeit, in der wir leben: Wir sollen die Wäsche waschen, damit sie stinken kann. Das ist in etwa so, als sollten wir essen, damit wir, pardon, kotzen können. Aber kann man angesichts solcher Meldungen überhaupt so viel essen, wie man kotzen möchte? So viel waschen, wie man gegen den Hygienewahn der Textilgiganten anstinken will? Es wird schwer.

Am besten, wir hängen uns schon mal einen Duftbaum ins Wohnzimmer. Note „Schweiß“. Auch als „Angstschweiß“ erhältlich. Und das ist immer noch besser als nichts.Dirk Gieselmann

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