EM  Nebenschauplatz : Irland steht wieder auf – in New Orleans

Sebastian Meyer
Schreien, singen, trinken. Es hat den Iren nicht geholfen, auch nicht im Finn McCools in New Orleans. Foto: S. Meyer
Schreien, singen, trinken. Es hat den Iren nicht geholfen, auch nicht im Finn McCools in New Orleans. Foto: S. Meyer

Stephen Patterson grinst, nippt an seinem Bier und schüttelt Hände. Viele Hände. Dann stimmt er ihre Hymne an, die „Fields of Athenry“. „Against the famine and the Crown, I rebelled, they cut me down.“ 50 gut geölte Kehlen singen mit, Biergläser wandern über den Tresen. Männer in grünen Trikots liegen sich in den Armen. Trotz allem. Gerade hat Irland das EM-Auftaktspiel 1:3 gegen Kroatien verloren. Die Stimmung im Irish-Pub Finn McCools in New Orleans ist dennoch gut. „Niemand weint. Wir haben schon Schlimmeres erlebt, das wird uns nicht aufhalten“, sagt Stephen Patterson, der Besitzer des Pubs.

Als er 1990 in die USA kam, war das Land für Fußballfans noch eine Zumutung. Während der WM-Spiele schalteten die Amis Werbepausen. Unfassbar, dachte sich Patterson. Also eröffnete er 2002 mit seiner Frau Pauline seinen eigenen Pub. Seitdem pilgern die Fußballverrückten von New Orleans ins Finn McCools in Mid-City. Es ist ein spezielles Vergnügen, das sie hier finden, keine zwei Kilometer vom French Quarter mit seinen Jazz-Bars und Strip-Clubs entfernt. Iren, Briten, Spanier, Franzosen, Deutsche und Lateinamerikaner, vereint durch die Sehnsucht nach dem runden Leder, nach Bier, Fangesängen und Fachsimpeleien. Im Exil werden aus Rivalen Freunde, hier können sogar Celtic- und Glasgow-Rangers-Fans zusammen schauen. Auf der Insel wäre das undenkbar.

Hurrikan Katrina hätte der Fußballidylle beinahe ein Ende bereitet. Die Flut hatte auch das Finn McCools zerstört, knapp zwei Meter hoch stand das Wasser im August 2005. Gerettet haben es die Spieler der kurz vor dem Hurrikan gegründeten Thekenmannschaft des Finn McCools. Stephen Patterson und seine Frau hatten die Stadt nach dem Hurrikan verlassen und lebten, so wie fast alle Bewohner New Orleans, über den Rest des Landes verstreut. Per E-Mail erfuhren sie, dass vier Spieler zurückgekehrt waren und den Pub wieder aufbauen wollten. „Das war für uns das Zeichen, zurückzugehen“, sagt Patterson. Zur ersten Party im Finn McCools gab es keine Inneneinrichtung, die Leute brachten ihr Bier selber mit. Und weil es auch keinen Strom gab, parkten sie ihre Autos so, dass die Scheinwerfer Licht spendeten. Sechs Monate lang packten 40 bis 50 Leute an, dann konnte das Finn McCools wieder eröffnen. Als die Thekenmannschaft wieder vollständig war, haben sie sich dann in ein Fotostudio eingemietet, sich Kostüme übergeworfen, an eine lange Tafel gesetzt und das Licht gedimmt. Dann ernst geschaut und Posen eingenommen. In der Mitte saß ein Spieler mit langen Haaren, Stephen Rea, als Messias. Das Team: seine Jünger, im Stil von Leonardo da Vincis Bild „Das letzte Abendmahl“. Jetzt hat Irland gegen Kroatien verloren. Das Team wird aber wieder aufstehen, sagt Stephen Patterson. Das Finn McCools und Jesus hätten es vorgemacht. Sebastian Meyer

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