EM  Nebenschauplatz : Töne zu Toren

Pass Schweinsteiger, Schuss Gomez – und dann eine Polka. Aber die wird vom Jubel des Publikums überspült. 1:0 für Deutschland, eine funkige Variante, Mario hat den Groove. Das war schön, Balsam für die Augen. Und für die Ohren.

Denn als die deutsche Nationalmannschaft am 13. Juni in Charkiw hilflose Holländer überrollt, hört man den dazugehörigen Soundtrack im Dortmunder Club „domicil“. Hier vertont das Jazzorchester „The Dorf“ die Europameisterschaft. Es ist ein Experiment, eine Idee. Auf der Bühne die Musiker, dahinter, riesig, die Leinwand. Wie klingt ein Einwurf? Jault beim Kopfball der Kontrabass? Wann kreischt die Trompete?

Die Sitzreihen goutieren die improvisierten Antworten mit donnerndem Applaus. Dirigent Jan Klare, ein Derwisch am Taktstab, freut sich und verweist auf die Parallelen zwischen den beiden Genres: „Beim Fußball lässt sich die nächste Aktion nicht vorhersehen. Wir reagieren also impulsgeleitet. Die Kollegen müssen in der Lage sein, sich schnell neu zu formieren oder einen dramaturgischen Streifen bei bösem Foul sofort zu unterbrechen.“ Unter Klares Leitung wird Fußballjazz zum neuen Bebop, aus Ekstase geboren und ohne Schema. Wie weiland bei Charlie Parker, Brick

Fleagle und Roy Eldridge dominiert der

Moment, in dem alles passieren kann und irgendwas passieren muss. Jazz Fusion at its best.

Segelt der Ball über das ganze Feld, fidelt der Geiger ein langes Glissando. Die Base des Drummers unterlegt den Abstoß mit schwerem Offbeat. Als die Partie in der zweiten Halbzeit verflacht, summt es psychedelische Schleiftöne. Van Persies Anschlusstreffer verwandelt sich in einen Trauermarsch, bleibt aber nur Kosmetik, weil die Löw-Elf genauso viel Spiellust zeigt wie „The Dorf“. „Fußball ist ein Drama, bei dem sich die Volksseele auftut“, erklärt Klare. Diesen emotionalen Aspekt wolle man mit dem Jazz ansprechen. Manchmal greift der Dirigent auch auf vorkomponiertes Material zurück, zum Beispiel gesungene Fußballkommentare oder rhythmisches Klatschen.

Das Orchester hat Klare 2006 gegründet, die Besetzung variiert immer wieder. Gegen die Niederlande stehen 28 Bandmitglieder im Kader. Die Dynamik entspreche quasi der einer Fußballmannschaft, sagt Klare, der den musikalischen Mesut Özil mimt: „Ich bin der Spielmacher, ich muss die Truppe koordinieren und zusammenbringen, ich treffe die Entscheidungen.“

Wer will, kann das Konzept von The Dorf natürlich auch als Moderatorenschelte begreifen. Hier gibt es keine Phrasen, keine verklausulierte Tabellenmathematik und keinen einschläfernden Spielernamenteppich. In Dortmund schweigt Béla Réthy, und Klare lacht: „Wem am originalen Kommentar mit Statistiken und Hintergründen gelegen ist, kommt sicherlich nicht zu uns. Wir bieten eine Entscheidungsalternative für das potenzielle Publikum.“

Sollte Deutschland den Titel holen, würde Klare übrigens eine Polka XL auftischen, bei der Lahm und Co. auf wilden Riffs durch den Klub reiten. „Da spielen dann alle die ganze Zeit, die Wucht des Orchesters klänge wie ein wildgewordener Marktplatz. Das ist mein musikalisches Bild vom Titelgewinn.“ Moritz Herrmann, Jannis Carmesin

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