EM-Qualifikation : Favoriten am Abgrund

Während Weltmeister Italien in der EM-Qualifikation vor einem Alles-oder-Nichts-Spiel in Glasgow steht, fürchten Englands Fans den Super-GAU in Tel Aviv. Dort entscheidet sich zwischen Israel und Russland, ob die "Three Lions" zur Euro 2008 fahren dürfen.

Jörg Obergethmann[dpa]
Beckham
Im Sommer vielleicht spielfrei: Englands David Beckham (links) und Michael Owen. -Foto: AFP

HamburgZwei der Titelkandidaten stehen auf der Zielgeraden der Qualifikation zur Euro 2008 am Rande des Abgrunds. Während der Weltmeister am Samstag mit einem Punktgewinn in Glasgow gegen Schottland aus eigener Kraft die Weichen zur Teilnahme in Österreich und der Schweiz stellen kann, droht dem diesmal spielfreien Mutterland des Fußballs erstmals seit 1984 bei einer EM-Endrunde die Zuschauerrolle. Gewinnt Russland sein Spiel in Israel, reicht den "Three Lions" ein Erfolg im abschließenden Gruppenspiel am kommenden Mittwoch gegen Kroatien nicht mehr, da die "Sbornaja" zur gleichen Zeit in Andorra drei sichere Punkte einplanen kann.

Fußball-England schwankt weiter zwischen Hoffen und Bangen, doch für Experten wie Bobby Charlton ist der Zug zur EM schon abgefahren. "Wir nehmen die Spiele gegen schwächere Gegner einfach nicht ernst genug", trauerte der Weltmeister von 1966 den gegen Mazedonien und Israel (jeweils 0:0) vergebenen Qualifikationspunkten nach. Die englische Presse erhöhte derweil den Druck auf Coach Steve McClaren und die Mannschaft. "Macs Flops kassieren ab", titelte die Boulevardzeitung "The Sun" und berichtete, die Spieler erhielten selbst im Falle der Nicht-Qualifikation ein Honorar von umgerechnet 210.000 Euro.

Englands Trainer bleibt optimistisch

McClaren selbst gehört weiter zu den unerschütterlichen Optimisten. "Ich gehe davon aus, dass wir es am Mittwoch in der eigenen Hand haben", erklärte der Coach vor dem Spiel seiner Mannschaft am Freitagabend in Wien, das für ihn das vorletzte sein könnte. Sein Schicksal entscheide sich am Samstag, schrieb der "Mirror". Englands Regisseur Steven Gerrard machte sich unterdessen schon einmal mit dem Gedanken an ein Scheitern vertraut, das durch die 1:2-Niederlage im Oktober in Moskau realistische Züge annahm: "Es wäre eine ganz große Enttäuschung, im Sommer zu Hause zu sitzen."

Während auf der Insel die Anspannung von Stunde zu Stunde steigt, laden die Russen nach dem Saisonfinale in ihrer Meisterschaft seit Mittwoch auf Zypern den Akku neu auf. "Vor einem solchen Spiel kommen die Kräfte von allein zurück", sagte Abwehrspieler Wassili Beresutski. Trainer Guus Hiddink stellte derweil demonstrativ Gelassenheit zur Schau. Russischen Zeitungen gab er Interviews nur unter der Bedingung, dass keine Fragen mit den Wörtern Fußball und Israel gestellt werden. Doch der Außenseiter will der "Sbornaja" noch einen Strich durch die Rechnung machen. "Wir sind ein stolzes Land. Alle Spekulationen interessieren uns nicht. Meine Spieler werden ihr Bestes geben, um zu gewinnen", versprach Israels Coach Dror Kashtan.

Schottland hofft auf erste EM-Teilnahme seit 1996

Für Weltmeister Italien heißt die Devise im Hampden Park: Verlieren verboten. "Die Partie in Glasgow ist ein Finale und erinnert uns an den Geist der WM", beschwor Torhüter Gianluigi Buffon seine Kollegen. Die Tatsache, dass Italien noch nie in Glasgow gewinnen konnte, tut der Zuversicht keinen Abbruch. "Irgendwann ist immer das erste Mal. Bei der WM in Deutschland hat Italien eine neue Ära begonnen, diese endet nicht so schnell", tönte Trainer-Urgestein Enzo Bearzot. Als sicher gilt, dass Roberto Donadoni bei einem EM-K.o. seinen Hut als Coach nehmen muss. Doch der Lippi-Nachfolger wischte alle Zweifel vom Tisch: "Unsere Mannschaft muss vor niemandem Angst haben. Die anderen müssen vor uns Angst haben."

Furcht ist für die Schotten allerdings ein Fremdwort. "Wir können es schaffen", glaubt Trainer Alex McLeish, der von seiner Mannschaft "noch eine titanische Anstrengung" erwartet, um den Favoritensturz und die erste EM-Teilnahme seit 1996 perfekt zu machen. Als gutes Omen sehen es die Schotten an, dass sich Italien als Weltmeister von 1982 nicht für die EM-Endrunde 1984 qualifizieren konnte.

Bei einem italienischen Erfolg auf der Insel wäre auch Frankreich vorzeitig qualifiziert. Maximal acht weitere Länder können am Wochenende Deutschland, Tschechien, Titelverteidiger Griechenland und Rumänien als Teilnehmer an der Endrunde folgen, für die die Gastgeber Österreich und Schweiz gesetzt sind.

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