• EM-Qualifikation gegen Schottland: Emre Can: Der Mann für den Platz von Schweinsteiger?

EM-Qualifikation gegen Schottland : Emre Can: Der Mann für den Platz von Schweinsteiger?

Emre Can dürfte auch heute gegen Schottland auflaufen. Dem 21-Jährigen wird viel zugetraut. An Selbstvertrauen mangelt es ihm jedenfalls nicht.

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Football - Germany Training - Hilton Glasgow, Glasgow, Scotland - 6/9/15 Germany's Emre Can during training Action Images via Reuters / Russell Cheyne Livepic EDITORIAL USE ONLY.
Football - Germany Training - Hilton Glasgow, Glasgow, Scotland - 6/9/15 Germany's Emre Can during training Action Images via...Foto: REUTERS

Emre Can warf seinem Widersacher einen bösen Blick zu, dann ließ er sich zu einer Tätlichkeit hinreißen. Can trat nach, aber es war später nicht zweifelsfrei zu belegen, ob er das vermaledeite Stück Rasen wirklich getroffen hatte, das ihm seiner Meinung nach den Ball vom Fuß gespitzelt hatte. Cans Flanke war daraufhin weit hinter das Tor gesegelt. Seine Theatralik danach wirkte dennoch ein wenig überzogen, weil der Ball auch bei seinen anderen Versuchen ähnliche Flugkurven genommen hatte – ganz ohne verrutschte Gras-Soden.

Dass Emre Can in der Offensive die finale Präzision gefehlt hatte, spielte bei der Bewertung seines Länderspieldebüts trotzdem nur eine untergeordnete Rolle. „Für sein erstes Spiel war ich absolut zufrieden“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem 3:1-Sieg gegen Polen, auch heute gegen Schottland (20.45 Uhr/RTL) dürfte Can wieder dort spielen. „Er hat’s gut gemacht.“ Can sei es nicht gewohnt, rechts in der Viererkette zu spielen, sagte der Bundestrainer, „aber im Laufe des Spiels hat er sich gut in die Situation eingefunden“. Löw hatte sich für den 21-Jährigen anstelle des routinierteren Sebastian Rudy entschieden: Can traute er eher zu, die Rolle so zu interpretieren, wie er das gegen Polen für nötig hielt. Can sollte sich bei der Spieleröffnung möglichst hoch positionieren und immer wieder die offensiven Räume aufsuchen. Das machte die Sache für ihn nicht unbedingt einfacher. Zur verständlichen Anfangsnervosität bei Can kamen auch Probleme im Stellungsspiel. Dass aber das Tor der Polen über seine Seite eingeleitet wurde, fiel nur bedingt in seine Verantwortung. Can war – auftragsgemäß – schon weit vorne, als dem wenig überzeugenden Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld der entscheidende Ballverlust unterlief.

"Ich übernehme gerne Verantwortung"

Dort wo Schweinsteiger immer noch spielt, ist eigentlich auch Can zu Hause, und man kann sich aussuchen, ob der 21-Jährige irgendwann einmal der neue Schweinsteiger oder der neue Khedira werden wird. Die nötigen Anlagen bringt er mit. „Er ist zweikampfstark, körperlich stark, hat ein gutes Passspiel“, sagt Löw. Kaum ein junger Spieler genießt beim DFB eine derart hohe Achtung wie Emre Can. In seinem Pass steht unter „Unverwechselbare Merkmale“ vermutlich: durchgedrücktes Kreuz, breite Brust. „Ich übernehme gern Verantwortung. Das ist mein Charakter, meine Qualität“, sagt der gebürtige Frankfurter, der nach Stationen bei Bayern München und Bayer Leverkusen vor einem Jahr in der Premier League gelandet ist. Beim FC Liverpool wird er inzwischen als natürlicher Nachfolger der Vereinsikone Steven Gerrard gehandelt. Eine Vorstellung, die viele Spieler schrecken könnte. Nicht so Emre Can. „Ich bin vom Typ her Führungsspieler“, sagt er.

Dass ausgeprägtes Selbstbewusstsein schnell auch als Hang zur Arroganz ausgelegt werden kann, hat Can in diesem Sommer bei der U-21-EM festgestellt. Bis zum Halbfinale war er der große Charakterkopf, nach dem 0:5 gegen Portugal wurde vor allem er für die fehlende Stressresistenz des Teams verantwortlich gemacht. „Ich wurde viel gelobt, vielleicht war es ein bisschen zu viel“, hat Can selbst anschließend gesagt. „Vielleicht habe ich gedacht: Ich bin der Größte.“ Auch wegen solcher Sätze bescheinigt ihm Hans-Dieter Flick eine enorme Fähigkeit zur Selbstreflexion. „Er strahlt Präsenz aus, hat ein gutes Auftreten und ist wahnsinnig wissbegierig“, sagt der DFB-Sportdirektor. Auch das Länderspieldebüt auf der ungewohnten Position hat Can vor allem als Weiterbildungsmaßnahme verstanden. Mit dem Platz rechts in der Viererkette kann er sich durchaus anfreunden: „Je mehr ich spiele, desto besser werde ich.“ Joachim Löw wird dem vermutlich nicht im Wege stehen.

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