EM-Qualifikation : Meister der Provokation

Vor dem Spiel Italien gegen Frankreich fliegen bereits verbal die Fetzen. Nach dem WM-Finale 2006 sind die beiden Länderteams nicht mehr gut aufeinander zu sprechen. Der Trainer der Franzosen muss das Spiel aufgrund eines verbalen Ausrutschers sogar von der Tribüne verfolgen.

Vincenzo Delle Donne[Mailand]
Italien-Frankreich
So fing es an. Im WM-Finale 2006 verpasste Zinedine Zidane dem Italiener Materazzi einen Kopfstoß. -Foto: AP

Italien gegen Frankreich, das ist immer noch Marco Materazzi gegen Zinedine Zidane, die Provokation, der legendäre Kopfstoß im WM-Finale. Dabei hat Zidane seine Fußballstiefel längst an den Nagel gehängt und auch Marco Materazzi wird bei der inzwischen zweiten WM-Revanche fehlen. Die grobe Defensivstütze von Inter Mailand verletzte sich nämlich im letzten Freundschaftsspiel Italiens gegen Ungarn so schwer, dass Materazzi etwa drei Monate pausieren muss. Den gegenseitigen Antipathien tut dies jedoch keinen Abbruch, tatsächlich werden sie durch die Bedeutung des heutigen EM-Qualifikationsspiels nur noch befeuert. Frankreich reist als Tabellenführer der Gruppe B nach Mailand, der strauchelnde Weltmeister Italien muss unbedingt gewinnen, um seine Chancen auf die EM-Teilnahme zu erhalten.

So versucht Jeremy Toulalan, die Italiener mit Worten noch mehr zu destabilisieren. „Es ist kein Klischee, wenn behauptet wird, die Italiener seien Provokateure“, sagt der Mittelfeldspieler von Olympique Lyon. Raymond Domenech muss das Spiel wegen verbaler Entgleisungen sogar von der Tribüne aus verfolgen. In einem Interview bezichtigte der Trainer der Franzosen die Italiener, wahre Meister darin zu sein, „Spiele zu kaufen“. Schließlich habe er 1999 als Trainer der französischen U 21 mitansehen müssen, wie italienische Funktionäre das Spiel gekauft hätten. Weil er keine Beweise für seine Korruptionsvorwürfe erbringen konnte, wurde Domenech nun mit einer Sperre belegt. Kein Anlass für den Franzosen aber, sich deswegen niedergeschlagen zu fühlen. „Ich werde meine Mannschaft mittels Telepathie führen“, sagte er.

Roberto Donadoni lassen die Provokationen von Domenech scheinbar ungerührt „Ich werde ihm trotzdem die Hand reichen”, sagte der Trainer Italiens. „Die Franzosen können sagen, was sie wollen. Wir werden auf dem Platz antworten”, pflichtete ihm Luca Toni von Bayern München bei, obwohl er selbst angeschlagen ist und wohl Filippo Inzaghi stürmen wird.

Diese Antwort ist auch dringend nötig, denn ein Jahr nach dem WM-Triumph ist in Italien viel passiert. Bei einer Niederlage müsste Italien ernsthaft um die Qualifikation für die EM-Endrunde bangen, die letztmals 1984 verpasst wurde. Donadoni geht die große Aufgabe gegen Frankreich und das nicht minder wichtig Spiel in der Ukraine am Mittwoch äußerlich gelassen an. Dabei hängt auch sein Job vom Gelingen der Mission ab. Seit längerem ist er alles andere als unumstritten, und seine Tage als Cheftrainer schienen schon gezählt, obwohl sein Vertrag bis Juni 2008 läuft. Doch dann gewann der 43-Jährige fünf Spiele in Folge, was seine Kritiker zumindest bis zur jüngsten Niederlage gegen Ungarn verstummen ließ. Dem relativ unerfahrenen Trainer kommt natürlich nicht unbedingt entgegen, dass viele ehemalige Stützen der Mannschaft der Azzurri ihren Rücktritt erklärt haben – darunter Francesco Totti und Verteidiger Alessandro Nesta.

Andererseits hat Donadoni offenbar ein besonderes Händchen dafür, Talente auf Anhieb zu Nationalspielern zu machen. So berief er nicht nur den 23 Jahre alten Mittelfeldregisseur Alberto Aquilani vom AS Rom, der hervorragend mit dem Klubkollegen Daniele De Rossi harmoniert. Darüber hinaus nominierte Donadoni auch den 24-jährigen Pasquale Foggia vom US Cagliari, der in den ersten beiden Spielen der Serie A überzeugte. Ein anderer 24-Jähriger schaffte auf Anhieb den Durchbruch. Fabio Quagliarella von Udinese erzielte bei seinem Debüt gegen Schottland zwei Treffer für die Qualifikation und eroberte sich einen Stammplatz.

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