EM-Qualifikation : Über Nacht wurden Gibraltars Fußballer Nationalspieler

Fußball ist eigentlich nur ihr Hobby. Doch heute Abend treten Gibraltars Feierabendfußballer im letzten EM-Qualifikationsspiel gegen Weltmeister Deutschland an.

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Nach Dienstschluss auf den Rasen. Für das Nationalteam aus Gibraltar geht es in der EM-Qualifikation vor allem um Schadensbegrenzung. Foto: dpa
Nach Dienstschluss auf den Rasen. Für das Nationalteam aus Gibraltar geht es in der EM-Qualifikation vor allem um...Foto: dpa

Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf und sind Fußball-Nationalspieler. Nach der Arbeit fahren Sie zum Training Ihrer Hobbytruppe, die plötzlich eine offizielle Nationalmannschaft ist. Und statt im Urlaub zu faulenzen, fliegen Sie zu einem Spiel gegen den aktuellen Weltmeister.

Das ist auf einmal das Leben von Kyle Casciaro. „Das ist alles eine neue Erfahrung für mich“, sagt der neue Nationalstürmer der neuen Nationalmannschaft Gibraltars. „Niemand hätte gedacht, dass wir nach einem Jahr in der Uefa gegen den Weltmeister spielen.“ Und doch trifft Gibraltar im vierten Pflichtspiel seiner Geschichte am Freitag in Nürnberg auf Deutschland.

Im Juni erzielte Kyle Casciaro das Tor zum 1:0-Sieg gegen Malta

Regelmäßig kommen Fußballamateure aus San Marino oder von den Faröern in den Genuss, ein offizielles Länderspiel gegen Deutschland bestreiten zu dürfen. Die Auslosungen der EM- und WM-Qualifikation bringen diese ungleichen Vergleiche mit sich, gerne zählen die Medien dann die bürgerlichen Berufe der Gegner auf, die sich nun mit Millionären messen.

Doch was für andere fast zur Routine neben dem Alltag wird, stellt das Leben von Gibraltarern (und nicht Gibraltesen oder Gibralteken) wie Kyle Casciaro auf den Kopf. „Das ist mein größtes Spiel bisher“, sagt der 27-Jährige, „und definitiv ein Traum, der wahr wird.“

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Länderspiele muss Gibraltar im portugiesischen Faro austragen

Dabei hatte Casciaro schon einen großen Moment, im Juni erzielte er das Tor zu Gibraltars erstem und bisher einzigen Länderspielsieg. Beim 1:0 gegen Malta in Portugal waren die Ränge leer, nur eine kleine Gruppe mit roten Fahnen klatschte, doch Casciaro rutschte auf Knien über den Rasen, als wäre er Mario Götze im WM-Finale.

Länderspiele muss Gibraltar im 300 Kilometer entfernten Faro austragen, dort wird auch das Rückspiel gegen Deutschland im kommenden Juni stattfinden. Das einzige Stadion im winzigen Zipfelstaat im Süden Spaniens fasst nur 5000 Zuschauer, wird auch von Schulklassen genutzt und war der Uefa nicht groß genug. Ohnehin nahm der europäische Verband das britische Überseegebiet vor einem Jahr nur widerwillig auf. Gibraltar hatte erfolgreich vor dem Sportgerichtshof Cas geklagt und strebt auch eine Mitgliedschaft im Weltverband Fifa an.

Seit Georg von Hessen-Darmstadt 1704 Gibraltar im Auftrag der britischen Krone eroberte, will Spanien die Enklave zurück, die strategisch zwischen Mittelmeer und Atlantik, Europa und Afrika gelegen ist. Länderspiele gegen das Nachbarland wird es daher nie geben, auch wenn die Nationalmannschaft zum Training oft auf die andere Grenzseite ausweicht. 30.000 Menschen und einige Berberaffen leben auf gerade einmal 6,5 Quadratkilometern am Affenfelsen, 23 von ihnen sind nun Nationalspieler. Bis auf einen englischen Drittligaspieler kicken alle in einer der beiden Ligen Gibraltars, Kyle Casciaro spielt wie seine Brüder Ryan und Lee beim Serienmeister Lincoln, die drei sind auch gegen Deutschland dabei.

Fünf Tage in der Woche trainieren Gibraltars Fußballer

„Seit der Aufnahme in die Uefa hat der Fußball in Gibraltar ein neues Level erreicht“, sagt Kyle Casciaro. Im Alltag arbeitet er bei einer Reederei, nun fährt er fünf Tage die Woche danach zum Training. „Das Training ist nun strenger, und unser Lebensstil hat sich verändert“, sagt er. Arbeiten, trainieren und schlafen lautet jetzt seine Routine. Ein Traum für alle Spieler, „aber wir müssen auf uns achtgeben, um Herausforderungen und Spiele wie dieses zu meistern“. Das Torverhältnis von 0:17 aus drei Quali-Spielen lässt nichts Gutes für das Spiel gegen Deutschland ahnen. „Wir werden versuchen, so wenige Gegentore wie möglich zu kassieren“, sagt Casciaro, der selbst auf ein paar Torchancen hofft. „Ich werde mit erhobenem Haupt auf den Platz gehen und Spaß haben.“ Genießen ist eine gute Idee. Denn vielleicht wacht er eines Morgens in seinem alten Leben auf und stellt fest, dass alles nur ein Traum war.

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