EM-TAGEBUCH  der Gruppe B : „Stellt die ganze Truppe bei Ebay rein“

Journalisten aus Portugal, Dänemark und den Niederlanden berichten uns von den Teams und ihren Fans.

PORTUGAL

Die Lage im Land. Die Stimmung in Portugal ist zwiegespalten. Die Portugiesen sind einerseits stolz darauf, den Titelfavoriten Deutschland so in Bedrängnis gebracht zu haben. Andererseits monieren viele Experten und Fans, dass man noch forscher hätte nach vorne spielen müssen. „Wir haben gebellt, aber nicht gebissen“, kommentierte ein User im „Mais Futebol“-Forum.

Team-intern. Zur allgemeinen Verwunderung blieben Hugo Almeida und Ricardo Quaresma während der gesamten Spieldauer auf der Bank. Beide setzten am Tag nach dem Spiel mit einer Grippe und wegen einer Blessur beim Training aus. So mancher im Umfeld des Teams hält das für vorgeschobene Ausreden, um ihre Enttäuschung über die Nicht-Berücksichtigung zu verbergen. Schließlich hätte Trainer Paulo Bento noch ein weiteres Mal wechseln können.

Abseits. Als Cristiano Ronaldo vor dem Spiel aus dem Hotel trat, um zum Mannschaftsbus zu gelangen, begrüßten ihn 20 deutsche Fans. Allerdings nicht etwa freundlich, die mildeste Reaktion auf Ronaldo waren noch „Messi, Messi“-Rufe. Während Ronaldo gegen Deutschland ohne Treffer blieb, schoss Messi zeitgleich einen Hattrick für Argentinien gegen Brasilien. Ronaldo scheint seinen Messi-Albtraum nicht los zu werden.

Zitat. „Moutinho hat den Ball unglücklich abgefälscht. Da konnte ich nicht mehr so schnell reagieren.“ Pepe erklärt seinen verlorenen Zweikampf vor dem 1:0 durch Mario Gomez.Vitor Alvarenga, Mais Futebol

DÄNEMARK

Die Lage im Land. Nicht nur die Fans, sondern auch die Zeitungen in Dänemark scheinen nach dem überraschenden Sieg gegen die Niederlande auszuflippen. „Der Krohn-Prinz schneidet die Tulpen ab“ oder „Fußball-Europa liebt den Schock der Dänen“ titelten die Blätter.

Team-intern. Der Einsatz von Niki Zimling war lange fraglich, nachdem er sich im Abschlusstraining den Zeh geprellt hatte. Die Lösung war dann aber doch ganz naheliegend: Zimling zog sich einen Schuh in einer Nummer größer an.

Eher übersinnlichere Kräfte beschwor wohl Torschütze Michael Krohn-Dehli. Beim 1:0 hatte er den Torwart der Niederlande getunnelt, dafür selbst aber keine Erklärung. „Das war nicht gewollt. Meine Augen habe ich zwar nicht geschlossen, aber ich hatte auch keinen Plan, was ich da mache.“

Abseits. Vor allem bei Bröndby Kopenhagen dürfte der Jubel über den Treffer von Krohn-Dehli groß gewesen sein. Die Kopenhagener haben den „goldenen Schützen“ unter Vertrag, leiden aber auch unter der finanziellen Misswirtschaft der letzten Jahre. Ein Verkauf von Krohn-Deli würde dem Klub guttun, erste Transfergerüchte kamen bereits Stunden nach dem Spiel auf.

Zitat. Ein dänischer Fan namens Lars konnte sein Glück kaum fassen, den Triumph der Dänen live im Stadion zu erleben. Er war mit seinem Vater und seinem Bruder angereist. „Wir sparen für so eine Tour mit der dänischen Nationalmannschaft seit 2004. Mein Sohn wird morgen ein Jahr alt, da kann ich nicht dabei sein. So ist das nun mal. Das hier haben wir schon länger geplant als meinen Sohn.“

Kristian Anker-Moller, Bold

NIEDERLANDE

Die Lage im Land. Die Kritik am Team und Nationaltrainer Bert van Marwijk fiel teilweise harsch aus. Ein Fan vor Ort schlug vor: „Stellt die gesamte Truppe bei Ebay rein.“

Team-intern. Die Defensive der Niederländer ist weiterhin instabil. Zum Glück soll Joris Mathijsen für das Spiel gegen Deutschland wieder einsatzbereit sein. Zudem fordern immer mehr Experten im Fernsehen und in den Zeitungen den Einsatz von Klaas-Jan Huntelaar von Beginn an.

Abseits. Ein niederländischer Reporter hatte den Humor nicht verloren, als er Kapitän Mark van Bommel nach der Partie fragte, ob die Niederlage ein gutes Omen sei. Schließlich habe man 1988 ja auch das Auftaktspiel verloren, am Ende das Turnier aber gewonnen. „In diesem Jahr ist unsere Gruppe aber härter als damals“, antwortete van Bommel.

Zitat. „Die Dänen liegen doch heute im Bett und fragen sich: ,Wie haben wir nur gewonnen?’“ Arjen Robben.

Willem Vissers, De Volkskrant

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