EM-Testspiel : Hinten recht müde - DFB-Team läuft noch unrund

Für Bundestrainer Joachim Löw gibt es zehn Tage vor der EM noch einiges zu tun. Die deutsche Elf offenbarte beim Testspiel gegen Weißrussland deutliche Abwehrschwächen.

Sven Goldmann
Lehmann
Die deutsche Hintermannschaft präsentierte sich noch nicht in Bestform. -Foto: ddp

KaiserslauternEs kommt eher selten vor, dass die deutsche Nationalmannschaft mit gleich vier Kapitänen aufläuft. Der erste und eigentliche war Michael Ballack, aber der wurde nach der ersten Halbzeit ebenso ausgewechselt wie später auch seine Nachfolger Miroslav Klose und Torsten Frings, zuletzt trug Jens Lehmann die Binde über den Rasen des Fritz-Walter-Stadions von Kaiserslautern. Alles nicht so wichtig bei diesem vorletzten Testspiel vor der Europameisterschaft in den Alpen. Auch das Ergebnis, ein müdes 2:2 (2:0) gegen Weißrussland, interessierte eher am Rande. Kann alles passieren nach harten Trainingstagen auf Mallorca.

Bemerkenswerter war schon, dass die Deutschen in der zweiten Halbzeit ohne Not eine 2:0-Führung verspielten. „Das darf eigentlich nicht passieren“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Und fast schon dramatisch war, wie sich die deutsche Mannschaft diese komfortable Führung nehmen ließ. Durch Nachlässigkeiten in der Abwehr, die man in dieser Häufung selten in den vergangenen zwei Jahren gesehen hat.

Die annähernd perfekt funktionierende Defensive war vor zwei Jahren bei der WM der Schlüssel zu einer kaum für möglich gehaltenen Renaissance des deutschen Fußballs. Zehn Tage vor der EM in den Alpen passt nun gar nichts mehr zusammen. Torwart Jens Lehmann wirkte unsicher, die Innenverteidiger Per Mertesacker und vor allem Christoph Metzelder spielten weit unter Form wie ihre Kollegen Philipp Lahm und Thomas Hitzlsperger auf den Außenpositionen. Der Stuttgarter Hitzlsperger war auf der linken Seite allerdings nur eine Notlösung, weil Marcell Jansen wegen Oberschenkelproblemen und Arne Friedrich wegen eines Magen-Darm-Virus passen mussten und der Schalker Heiko Westermann am Morgen zu seiner hochschwangeren Frau gereist war. Im Spiel zog sich zudem Bastian Schweinsteiger eine Knöchelblessur – der befürchtete Bänderriss bestätigte sich aber nicht. „Der Knöchel ist aber ziemlich dick und tut weh“, sagte der Münchner.

Nimmt man das gestrige Spiel zum Maßstab, ist Christoph Metzelder nach seinem schwachen Jahr in Madrid mit vielen Verletzungspausen und wenigen Einsätzen bei allenfalls 70 Prozent seines Leistungsvermögens. Beim späten Ausgleich lief der zweifache Torschütze Witali Bulyga um Metzelder herum, als sei dieser nur als entmaterialisierte Hülle vorhanden. Auch beim ersten Gegentor traf ihn zumindest eine Mitschuld, als er mit seinem Kompagnon Mertesacker für Bulyga Spalier stand. „Wir haben ja noch ein bisschen Zeit bis zum ersten EM-Spiel“, sagte ein nachdenklicher Metzelder später.

Was aber soll nur werden mit Jens Lehmann, wenn es bei der EM richtig zur Sache geht? Der 38 Jahre alte Torhüter zeigte auf der Linie zwei schöne, spektakuläre Paraden. Aber bei beiden Gegentoren sah er nicht gut aus. Ein anderes Mal verharrte er bei einer Flanke in den Fünfmeterraum zaghaft in seinem Tor, dann ließ er einen harmlosen Ball prallen, und sogar als mitspielender Torhüter, sonst seine große Stärke, versagte er in zwei Situationen. Lehmann war deutlich anzumerken, dass ihm nach einer Saison auf der Ersatzbank des FC Arsenal die Spielpraxis fehlt.

Die Irritationen in der Abwehr lenkten ein wenig von der Castingshow ab, die Löw vor dem Meldeschluss für die EM ausgelobt hatte. Drei Spieler muss der Bundestrainer noch streichen, und es steht nicht zu vermuten, dass der Test gegen die Weißrussen dafür den letzten Ausschlag gegeben hat. Den auffälligsten Eindruck hinterließ der kleine Gladbacher Marko Marin, der nach seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit ein paar schöne Dribblings zeigte. Er bekam dafür Szenenapplaus und von Löw ein Kompliment: „Er hat angedeutet, dass er im Spiel eins gegen eins den Unterschied machen kann.“

David Odonkor, auch er ein potenzieller Streichkandidat, bereitete nach Miroslav Kloses Führungstor mit schönem Flankenlauf das 2:0 vor, es war ein Eigentor des Weißrussen Wladmir Korytko. Auch der eingewechselte Zweitligasturm Oliver Neuville (Gladbach)/Patrick Helmes (Köln) veranstaltete in der zweiten Halbzeit einigen Wirbel, und der Hamburger Piotr Trochowski hat in der Nationalmannschaft selten so gut und energisch gespielt wie gestern. Dagegen misslang dem Schalker Jermaine Jones so gut wie alles, was er anpackte.

Fingerzeige, mehr nicht. Der Bundestrainer hat sich in den vergangenen Wochen ein Bild gemacht, das gestrige Spiel dürfte kaum mehr gewesen sein als ein Mosaiksteinchen. Heute Vormittag wird Joachim Löw das Geheimnis lüften und seinen Kader benennen. Nein, eine Entscheidung sei immer noch nicht gefallen, sagte Löw in Kaiserslautern, aber eines könne er der beunruhigten Fußball-Nation versprechen: „In zwölf Tagen beim Siel gegen Polen werden alle Spieler in einer besseren Form sein!“

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