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EM-Viertelfinale Deutschland gegen Italien : Macht Bastian Schweinsteiger heute sein letztes Länderspiel?

Das Viertelfinale gegen Italien ist wie gemalt für Bastian Schweinsteiger. Andererseits könnte es auch das letzte Länderspiel des deutschen Kapitäns sein.

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Bastian Schweinsteiger könnte gegen Italien sein letztes Länderspiel bestreiten.
Bastian Schweinsteiger könnte gegen Italien sein letztes Länderspiel bestreiten.Foto: imago/Team 2

Bastian Schweinsteiger sah im Abschlusstraining am Freitag irgendwie anders aus. Das Haar war an den Seiten ergraut, um die Augenwinkel und auf der Stirn zogen sich die ersten Falten durch das sonnengebräunte Gesicht. Bastian Schweinsteiger sah aus wie ein Mann, der in einem Monat 32 wird. Es musste sich um eine optische Täuschung handeln, denn der Mittelfeldspieler der Nationalmannschaft ist im Laufe der Europameisterschaft angeblich immer jünger geworden. Inzwischen dürfte es sich bei ihm längst um den jüngsten aller 23 Spieler im deutschen EM-Kader handeln – zumindest wenn man den regelmäßigen Verlautbarungen aus der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft trauen darf.

Bisher war man ja davon ausgegangen, dass Schweinsteiger ein alternder Fußballer ist, der sich bei der EM für seinen letzten Karrierehöhepunkt quält, der, von Verletzungen geplagt, verzweifelt um seine Form kämpft. Doch bei den diversen Trainern der Nationalmannschaft hörte sich das irgendwie anders an. „Er wird jede Woche besser, stabiler und spielfreudiger“, hat Markus Sorg, der zweite Assistent des Bundestrainers Joachim Löw, vor einer Woche verkündet. Und das bisher letzte Bulletin ist gerade zwei Tage alt und stammt von Oliver Bierhoff. „Körperlich ist er gut drauf“, hat der Manager der Nationalmannschaft gesagt. „Er hat sich herangearbeitet.“

Das Problem ist, dass sich die Verlautbarungen vor fünf Wochen, direkt zu Beginn der Vorbereitung in Ascona, schon ganz ähnlich angehört haben – dass sich am Status von Bastian Schweinsteiger seitdem trotzdem nichts Entscheidendes geändert hat.

In den vier bisherigen EM-Spielen der Deutschen ist der Kapitän immerhin drei Mal eingewechselt worden. Das ist mehr, als viele vor dem Turnier erwartet hatten. Doch zählt man alle Einsatzminuten zusammen (inklusive Nachspielzeit) hat Schweinsteiger nicht mal eine Halbzeit auf dem Feld gestanden. Wenn es gut läuft für die Deutschen, bestreiten sie, beginnend mit dem Viertelfinale am Samstag gegen Italien, noch drei Spiele.

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Es sind die entscheidenden Spiele gegen die großen Gegner. Spiele, die im Zweifel über 120 Minuten gehen. Da fällt es zunehmend schwerer, sich Schweinsteiger noch in einer tragenden Rolle vorzustellen – sagen die einen. Genau für diese Spiele hat Löw seinen Kapitän mitgenommen – sagen die anderen. Und erinnern an das WM-Finale vor zwei Jahren, als Schweinsteiger der Anführer in einer epischen Schlacht war.

Auf jeden Fall kann jedes Länderspiel gerade Schweinsteigers letztes sein.

In den ersten Wochen in Frankreich hat sich Schweinsteiger rar gemacht. Er ist zu keiner einzigen Pressekonferenz erschienen, um als Kapitän Auskunft zum Großen und Ganzen zu geben. Auch nach den Spielen ist er wortlos an den Journalisten vorbeigegangen –-bis er vor einer Woche, nach dem Achtelfinalsieg gegen die Slowakei, plötzlich einfach stehen blieb. „Ich habe viele Wochen nicht gespielt. Für mich ging es in erster Linie darum, dabei zu sein, gesund zu sein“, hat Schweinsteiger gesagt. „Von daher bin ich schon sehr froh so, wie es gelaufen ist.“ Aus seinen Worten sprach Dankbarkeit, dass der Bundestrainer ihn überhaupt nominiert und nicht allein sportliche Kriterien bei der Auswahl seines Kaders angelegt hatte.

„Da könnt ihr jetzt noch ein paar Tage spekulieren und diskutieren"

Trotzdem wird in regelmäßigen Abständen die Frage gestellt, wann Schweinsteiger denn nun von Anfang an spiele, immerhin ist er Kapitän. „Da könnt ihr jetzt noch ein paar Tage spekulieren und diskutieren“, hat Bierhoff in dieser Woche gesagt. Zum Beispiel darüber, ob Schweinsteiger nicht gerade gegen Italien mit seiner selbstlosen Art und seinem strategischen Blick genau der richtige Mann wäre, um das Zentrum im Mittelfeld zu schließen, durch das die italienischen Stürmer Pellè und Eder am liebsten ihre Konter vortragen? „Ich fühl' mich gut“, hat Schweinsteiger selbst auf die Frage aller Fragen geantwortet, auch wenn er bisher nur minutenweise gespielt habe. „Vom Rhythmus her ist es vielleicht nicht ganz ideal, aber ich würde es mir schon zutrauen.“

Joachim Löw glaubt inzwischen auch, dass Schweinsteiger „in der Lage ist, von Beginn weg zu spielen. Die Physis stimmt.“ Aber die Frage ist nicht nur, ob Schweinsteiger dazu in der Lage ist. Die Frage ist auch, wer für ihn dann aus der Mannschaft weichen soll: Toni Kroos, der im deutschen Spiel den Rhythmus vorgibt? Oder Sami Khedira, den der Bundestrainer für „klug und clever“ hält und von dem er gerade erst gesagt hat, er habe das Gefühl, „er wird immer dynamischer“?

Löw hat immer erklärt, dass Schweinsteiger noch wertvoll für die Mannschaft werden werde. Vielleicht braucht er ihn im Halbfinale auf dem Platz, falls Khedira gegen die Italiener seine zweite Gelbe Karte sieht und dann im nächsten Spiel gesperrt ist. Aber muss Schweinsteiger überhaupt auf dem Platz stehen, um für die Mannschaft wertvoll zu sein?

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Der 31-Jährige ist der Kapitän – und vielleicht ist er das jetzt sogar noch ein bisschen mehr. „Er spielt eine sehr gute Rolle, eine wichtige Rolle“, sagt Löw. Schweinsteiger sei sehr aktiv in der Mannschaft, er fachsimpelt mit dem Bundestrainer über Fußball, geht voran, wenn am Tag nach den Spielen die Ersatzleute trainieren, und kümmert sich um die jungen Spieler, von denen im Unterschied zu ihm einige noch gar nicht zum Einsatz gekommen sind.

Schweinsteiger ist jetzt der Elder Statesman der Nationalmannschaft. Er ist gewissermaßen von den Mühen der Alltagspolitik befreit, von den Anstrengungen des Spielbetriebs. Aber das mindert seinen Einfluss nicht. Schweinsteiger hält den Laden zusammen, nicht mehr auf dem Platz, sondern außerhalb – und nach allem, was man sieht und was aus der Innenwelt des Teams heraus dringt, macht er das mindestens so gut, wie er zwischen 2009 und 2014 das deutsche Mittelfeld beherrscht hat.

Bastian Schweinsteiger hat dem Land den bisher emotionalsten Moment bei der Europameisterschaft beschert. Es war im Auftaktspiel gegen die Ukraine, als er bei seiner Einwechslung in der Schlussminute von den deutschen Fans elegisch gefeiert wurde und dann gleich darauf das 2:0 erzielte. Der emotionale Höhepunkt des Turniers aber soll das noch nicht gewesen sein. Nicht für das Land. Und auch nicht für Bastian Schweinsteiger.

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