Sport : Emanuel Lasker: Der Herrscher über 64 Felder

Martin Breutigam

Emanuel Lasker war bereits ein Jahr lang Schachweltmeister, als er anno 1895 sein erstes Buch veröffentlichte. Das trug den Titel: "Gesunder Menschenverstand im Schach". Der deutsche Weltmeister hatte darin ein paar allgemeine, teilweise neuartige Grundsätze für das vermutlich im sechsten Jahrhundert in Indien entstandene Spiel formuliert. Laskers Thesen wurden zu jener Zeit aber noch ebenso skeptisch beäugt wie die Frage, ob er wirklich der weltbeste Spieler sei. Er war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung erst 26 Jahre alt.

Doch Emanuel Lasker sollte - was sich damals gewiss niemand vorzustellen vermochte - den WM-Titel weitere 26 Jahre behalten. Anders ausgedrückt: Insgesamt währte seine Herrschaft auf den 64 Feldern von 1894 bis 1921 - ein Rekord für die Ewigkeit.

Rückblickend betrachtete Lasker seinen "Gesunden Menschenverstand im Schach" als einen "Protest gegen den herrschenden Schachstil jener Zeit, der tiefsinnig sein wollte, aber nur gekünstelt, geschraubt und verschroben war". Gilt Wilhelm Steinitz, der erste Weltmeister der Schachgeschichte, bis heute als Vater des positionellen Spiels, so wird Lasker zugeschrieben, das psychologische Element ins Turnierschach eingeführt zu haben (von jeher eine scheinbar feststehende Tatsache, der allerdings Dr. Robert Hübner, bis Anfang der neunziger Jahre der herausragende Spieler hier zu Lande, widerspricht).

Zweifellos war Emanuel Lasker ein Pragmatiker. Er suchte beispielsweise nicht in jedem Fall nach dem objektiv stärksten Zug, sondern oft nach dem für den Gegner unangenehmsten. Damit stand er in Opposition zu manchem Zeitgenossen, insbesondere zu seinem Landsmann Dr. Siegbert Tarrasch, der als Rivale am Brett auch menschlich zu ihm auf Distanz ging: "Ihnen, Herr Lasker, habe ich nur drei Worte zu sagen: Schach und matt."

Am Heiligabend 1868 im brandenburgischen Berlinchen geboren, wurde der elfjährige Emanuel Lasker von seinem Vater, einem Prediger, zum älteren Bruder ins große Berlin geschickt, wo auch sein Onkel, der Reichtagsabgeordnete Eduard Lasker, lebte. Bald verdiente sich Emanuel Lasker seinen Lebensunterhalt in den Schachcafés der Stadt. Als sich - relativ spät - erste kleinere internationale Erfolge einstellten, forderte er kühn den alten Schachkönig Wilhelm Steinitz heraus, den er im Jahre 1894 mit einem 10:5-Sieg tatsächlich entthronte. Sechsmal verteidigte Lasker seinen Titel: 1896/97 im Revanchekampf gegen Steinitz mit 10:2, 1907 gegen Frank Marshall mit 8:0, 1908 gegen Dr. Siegbert Tarrasch mit 8:3, 1909 gegen David Janowski mit 8:2, 1910 gegen Karl Schlechter mit 5:5, 1910 gegen David Janowski mit 8:0. Erst der Kubaner José Raoul Capablanca beendete 1921 in Havanna durch einen 9:5-Sieg die lange Lasker-Ära.

Die zum Teil großen Abstände zwischen den WM-Kämpfen sind ein deutliches Indiz dafür, dass es seinerzeit noch keine von einem Weltverband organisierten Weltmeisterschaften gab. So mussten sich die als WM-Anwärter in Frage kommenden Schachspieler zunächst einmal Sponsoren suchen, um den Weltmeister überhaupt herausfordern zu können. Zwischendurch hatte Lasker, verheiratet mit der Schriftstellerin Martha Bamberger, mitunter jahrelang keine Turniere gespielt und sich seinen anderen Leidenschaften gewidmet. Denn er war ein wahres Multitalent: ein (promovierter) Mathematiker, ein (geschätzter) Gesprächspartner Albert Einsteins, er schrieb philosophische Werke, ja, sogar ein Theaterstück, und er liebäugelte mit anderen Spielen wie Bridge und Go.

Obwohl er sich im Alter lieber mehr mit Mathematik und Philosophie beschäftigt hätte, feierte Emanuel Lasker, der materiellen Not gehorchend, immer wieder glänzende Comebacks - wie etwa beim Schachturnier in Moskau im Jahre 1935. Dorthin war er mittlerweile ausgewandert, nachdem er für sich, als Jude in Nazi-Deutschland, keine Zukunft mehr gesehen hatte. Bei seiner Flucht - zunächst nach London - hatte er sein gesamtes Hab und Gut zurücklassen müssen. Später kehrte Lasker auch der Sowjetunion den Rücken und ließ sich in New York nieder, wo er am 11. Januar 1941 starb - in ärmlichen Verhältnissen.

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