Sport : Empfindliche Herzen

Nach dem Tod eines NBA-Profis debattiert die Basketball-Liga über ihre medizinische Vorsorge

Benedikt Voigt

Berlin - Obwohl die Saison 2005/2006 der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA erst heute beginnt, hat sie bereits einen traurigen Tiefpunkt erlebt. Am 15. Oktober starb der Centerspieler Jason Collier in einem Krankenwagen, nachdem der 28-Jährige von den Atlanta Hawks in seinem Haus plötzlich in Atemnot geraten und im Gesicht blau angelaufen war. Bisher ist die Todesursache nicht vollständig geklärt. „Alles wird noch untersucht“, sagte Colliers Agent Richard Howell gegenüber der Zeitung „USA Today“, „aber mir ist gesagt worden, dass die Zeichen und Symptome auf das Herz hindeuten“.

Dieser Verdacht ist für die Liga Anlass genug, die Qualität der medizinischen Vorsorge bei ihren Profis zu überdenken. Zumal es weitere Hinweise auf eine mangelhafte Untersuchung bei manchen Klubs gibt. Nur weil er eine Lebensversicherung abschließen wollte, fand der letztjährige NBA-Profi Fred Hoiberg heraus, dass er wegen einer Aortaschwäche dringend eine Herzoperation benötigt hat. Die Versicherung hatte von dem 33-jährigen Berufssportler eine eingehende Gesundheitsüberprüfung gefordert. Inzwischen lebt Hoiberg mit einem Herzschrittmacher und hat seine Karriere bei den Minnesota Timberwolves beendet. „Wenn ich einen Stoß auf diese Stelle (des Herzens, Anm. d. Red.) bekommen hätte, hätte diese einen Riss bekommen können – und das wär’s dann für mich gewesen“, sagte Hoibert gegenüber dem Sportsender ESPN.

Dabei sind die Herzuntersuchungen in der NBA vergleichsweise fortschrittlich. Im Gegensatz zu den Footballprofis der NFL und den Baseballspielern der MLB wird bei den amerikanischen Basketballern jeder Jungprofi, bevor er in die Liga eintritt, einmal per Echokardiografie untersucht. Durch diese Ultraschalluntersuchung können Herzmuskelerkrankungen entdeckt werden. Oder das Marfan-Syndrom, eine Erbkrankheit, die oft mit überlangen Gliedmaßen einhergeht, wie Basketballer sie haben. Mit herkömmlichen Untersuchungen wie Belastungstest oder EKG lassen sich bei austrainierten Athleten Herzprobleme oft nur schwer entdecken, da sie dickere Herzmuskeln besitzen. Daher wenden auch die Ärzte einiger NBA-Vereine die Echokardiografie an.

Bei den Boston Celtics zählt diese Untersuchung vor jeder Saison zu den Pflichttests. Der Klub ist in Sachen Herzkrankheiten sensibilisiert, seitdem sein Star Reggie Lewis 1993 im Training einen Herzstillstand erlitt und verstarb. Auch die Los Angeles Lakers testen ihre Spieler per Echokardiografie. Dadurch konnten sie bei ihrem Zugang Ronny Turiaf einen Fehler an der Aortenklappe entdecken, der sofort operiert wurde.

Doch nicht alle 30 Vereine untersuchen ihre Spieler mit der Echokardiografie. Ein Fehler, glaubt Fred Hoiberg. „Es sollte zur Pflicht werden, dass alle Teams diesen Test verwenden“, sagte der ehemalige NBA-Profi. Bei ihm war zwar eine Herzschwäche seit seiner Collegezeit bekannt, doch sie galt als nicht gefährlich. Doch das Problem wuchs. Nun weiß Hoiberg: „Wenn es einen Herzfehler gibt, sollte dieser jedes Jahr untersucht werden.“ Diese Erfahrung hat auch der ehemalige Kardiologe der Boston Celtics gemacht. „Wir haben jährlich Veränderungen an den Herzen der Spieler gesehen, die für mich ein deutlicher Warnhinweis waren“, sagte Fred Basilico.

Doch manchmal sind auch die Spieler bereit, ein größeres Risiko einzugehen. So verließ Eddy Curry vor vier Wochen kurzerhand die Chicago Bulls, weil der Verein von ihm vor Saisonbeginn einen DNA-Test gefordert hat. Der Power Forward hatte die vergangene Saison vorzeitig beenden müssen, weil bei ihm Herzrhythmusstörungen aufgetreten sind. Die Bulls erhofften sich von diesem Test Hinweise auf eine Erbkrankheit.

Curry aber verweigerte sich der Untersuchung und wechselte zu den New York Knicks, die auf einen DNA-Test verzichteten. Der Verein und sein Spieler glauben, dass die Karriere dennoch gefahrlos fortgesetzt werden kann. „Sehr viele Ärzte haben alles an meinem Herzen untersucht, um sicher zu gehen, dass es hundertprozentig in Ordnung ist, wenn ich auf das Parkett laufe“, sagte Curry. Allerdings hat ihn Jason Colliers Tod schwer getroffen. Er sagte vor seinem ersten Spiel in der Saisonvorbereitung: „Ich weiß wirklich nicht, wie ich damit klarkomme.“ Inzwischen aber hat er sieben Testspiele schadlos überstanden.

Jason Collier aber wird nie wieder spielen. Er hat in seiner letzten Saison für die Atlanta Hawks durchschnittlich 5,7 Punkte erzielt und 2,6 Rebounds gefangen. Was der Liga zu denken geben sollte: Er galt als völlig gesund.

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