Ende der Hinrunde : Vorbei am Sahnetöpfchen

Trotz anfänglicher numerischer Überlegenheit und der wohl besten Saisonleistung hadert Hertha BSC nach dem Unentschieden gegen Zweitliga-Herbstmeister FC Augsburg mit dem unglücklichen Ende der Hinserie.

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Christian Lell rügte die jeweils zwei Platzverweise für beide Teams.
Christian Lell rügte die jeweils zwei Platzverweise für beide Teams.Foto: dpa

Am Ende hat Jos Luhukay noch das Sahnetöpfchen ins Spiel gebracht. Hertha BSC wird es versagt bleiben, denn für Berlins führendes Fußballunternehmen ist das Jahr 2010 seit Samstagnachmittag Geschichte, aber Luhukays FC Augsburg darf am Dienstag noch im Pokalachtelfinale gegen Schalke 04 spielen. „Wir haben noch ein Sahnetöpfchen“, sprach also der holländische Fußballlehrer in Augsburger Diensten. Das war schon ein bisschen gemein, denn im Pokal spielen die Berliner bekanntlich aus historisch gewachsenen Gründen keine Rolle mehr und die Schalker sind ihnen auch nicht gerade ans Herz gewachsen.

Zugleich war das mit dem Sahnetöpfchen auch der beste Augsburger Angriff in diesem Spitzenspiel der Zweiten Bundesliga. Wie soll man auf ein missglücktes Sprachbild reagieren? Jede Häme würde nur das Zerrbild vom deutschen Pedanten bedienen, dieses Vorurteil, nach dem die Deutschen sich auf Formalitäten beziehen, wenn sie denn nicht mehr weiter wissen. Also lächelte Herthas Trainer Markus Babbel kurz, obwohl er sich doch vor allem ärgerte nach diesem 1:1, das den Berlinern hinter den punktgleichen Augsburgern Platz zwei bescherte in der im öffentlichen Sprachgebrauch längst offiziellen Herbstmeisterschaft.

Der Bayer Babbel wäre gern in der Tabelle voranmarschiert mit seinen Spielern aus Australien, Südamerika und halb Europa. Hertha entspricht in so ziemlich allen Parametern dem multikulturellen Ideal, nach dem sich alle lieb haben und am gemeinsamen Erfolg arbeiten. Der Schweizer Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger kleidete diese Erkenntnis in die Worte: „Wir hätten dieses Spiel gewinnen müssen, denn wir haben gezeigt, dass wir eine gute Mannschaft sind und dass jeder für den anderen läuft und kämpft.“

Das ist ein irdisches und die üblichen Vorurteile über die Berliner Hochnäsigkeit bekämpfendes Argument. Es stellt sich ihm entgegen: Peter Gagelmann, wohnhaft in Bremen und am Samstag ebenfalls in Augsburg zugegen. Der Schiedsrichter war ein Laienschauspieler unter den sichtlich um Klasse bemühten Interpreten auf dem Rasen. „Er hat das Spiel nicht in die richtigen Bahnen gelenkt“, befand Christian Lell. Der Berliner Verteidiger rügte die je zwei Platzverweise für beide Mannschaften und eine eher seltsame Regelauslegung im Berliner Strafraum. Sie zeitigte zwanzig Minuten vor Schluss einen Elfmeter, den Augsburg zum schmeichelhaften Ausgleich nutzte. Herthas Manager Michael Preetz kommentierte diesen Eingriff in die Autonomie des Spielverlaufs mit den Worten: „Wenn die den Elfmeter nicht bekommen, schießen die nie ein Tor.“

Da ist was dran, aber Hertha BSC täte gut daran, den positiven Aspekt dieser Erkenntnis zu beherzigen. Der zum Ausgleich führende Elfmeter war in der Tat unberechtigt, aber er war auch Sascha Burcherts Ungeschick geschuldet. Hätte der Torhüter einen zwar wuchtigen, aber unplatzierten Schuss des Augsburgers Sören Bertram festgehalten, wäre es nie zu einem anschließenden Kontakt mit Torsten Oehrl gekommen. Ohnehin hätten die Berliner zu diesem Zeitpunkt längst höher als nur mit einem Tor führen können. Was im positiven Sinne impliziert: Hertha hatte das Spiel bis zu diesem verhängnisvollen Pfiff im Griff und war die technisch und auch taktisch deutlich bessere Mannschaft.

Dabei ging es gegen Augsburg, gegen die beste Zweitligamannschaft der vergangenen Wochen, die die Konkurrenz zuletzt nach Belieben dominiert hatte. Am Samstag waren elf Augsburger kein angemessener Spielkamerad für die Berliner, obwohl die ihr Spiel schon früh nach einer berechtigten Roten Karte gegen Andre Mijatovic in numerischer Unterlegenheit zu organisieren hatten. Dass Gagelmann später noch reichlich Karten in verschiedenen Farben verteilte, ändert nichts am Eindruck der Berliner Dominanz.

Kartenspiel hin, falscher Elfmeterpfiff her: So gut wie am Samstag in Augsburg hat Hertha in dieser Saison noch nie gespielt. In diesem Sinne hatte auch Jos Luhukay noch ein Sahnetöpfchen für seinen Berliner Kollegen zur Hand: „Hertha hat uns und den Ball laufen lassen“, sagte der Augsburger Trainer, er schwärmte von der Berliner Ballsicherheit und Organisation, „es wäre doch schön, wenn wir am Ende beide aufsteigen würden“. – „Nichts dagegen“, antwortete Markus Babbel.

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