Sport : Ende des Märchens

Im Halbfinale von Wimbledon wird Rainer Schüttlers Siegesserie von Rafael Nadal gestoppt

Petra Phillipsen[London]

Rainer Schüttler ließ den Ball ein paar Mal vor sich auftippen und wartete einen Moment, bevor er aufschlug. Es hätte noch keinen Sinn gemacht, den Ballwechsel zu beginnen. Denn Schüttler konnte einfach nicht aufhören zu grinsen und dabei ungläubig mit dem Kopf zu schütteln. Gerade war dem 32-jährigen Hessen etwas gelungen, was ihm niemand zugetraut hatte, und was auch ihn selbst offenbar überraschte – er hatte Rafael Nadal den Aufschlag abgenommen. Dabei war es im Vorfeld der Halbfinalpartie von Wimbledon allein darum gegangen, wie lange es dauern würde, bis der spanische Titelanwärter den deutschen Überraschungsmann überrollt hatte. Und im ersten Satz schien diese Prognose auch einzutreffen, da war Schüttler, wie er selbst sagte, „vor eine Wand gerannt“. Doch danach lieferte er Nadal einen beherzten Kampf, der jedoch nicht belohnt wurde. Mit 1:6, 6:7 und 4:6 unterlag er dem hohen Favoriten nach zwei Stunden Spielzeit. Nadal trifft im Endspiel am Sonntag auf Roger Federer, der den Russen Marat Safin ebenfalls in drei Sätzen bezwang.

„Es war trotzdem ein unglaubliches Turnier für mich“, freute sich Schüttler über sein zweitbestes Ergebnis bei einem Grand-Slam-Turnier. 2003 hatte er es bis ins Finale der Australian Open geschafft und genau an diese bittere Lehrstunde damals gegen Andre Agassi fühlte sich Schüttler zu Beginn auch gegen Nadal erinnert. „Ich dachte nur: Hoffentlich läuft das jetzt nicht genauso. Dagegen musste ich etwas tun“, sagte Schüttler.

Er änderte seine Taktik und spielte aggressiver. Es gelang ihm sogar, von der Grundlinie aus Ballwechsel zu diktieren. Nur wenige Spieler schaffen das gegen Nadal. Schüttler ging durch ein Break im zweiten Durchgang in Führung und konnte diese souverän bis zum 5:4 halten. Nur noch vier Punkte trennten ihn von einem verdienten 1:1-Satzausgleich, doch dann versagten dem Routinier die Nerven. „Katastrophal“, sei das Aufschlagspiel gewesen, bedauerte Schüttler später. Nadal gewann den Tiebreak und übernahm schließlich wieder die Kontrolle in der Partie, auch wenn Schüttler sich weiter nach Kräften wehrte.

Die Energie und Laufbereitschaft Schüttlers war dabei umso erstaunlicher, da er tags zuvor sein Fünfsatzmatch gegen Arnaud Clement, das sich über zwei Tage streckte, erst nach 5:12 Stunden beendet hatte. Viel Schlaf hatte Schüttler in der Nacht nicht bekommen, bis zwei Uhr morgens hing ihm das epische Match noch nach, und dann träumte er auch noch von seinem nächsten Gegner: „Ich bin nachts hochgeschreckt und dachte: Oh Mist, morgen spiele ich gegen Rafa. Das wird hart.“ Das wurde es für den Hessen, doch für seine gute Leistung wurde er von den Zuschauern auf dem Center Court mit Standing Ovations verabschiedet. Es fühlte sich wie „Balsam für die Seele“ an, sagte Schüttler. So wie der Applaus hatte schon das ganze Turnier sein stark angekratztes Selbstbewusstsein wieder aufgebaut. Drei Jahre lang bestimmten Niederlagen und Verletzungspech sein Profidasein. Die Misere fühlte sich zeitweilig so ausweglos an, dass Schüttler bereits ans Aufhören dachte.

Sein Langzeitcoach Dirk Hordorff wie auch seine Familie hielten ihn davon ab – und die beeindruckende Rückkehr Schüttlers in Wimbledon gab ihnen Recht. Ab Montag wird er von Rang 94 wieder unter die besten 40 der Welt zurückkehrt sein, erstmals seit dem Frühjahr 2005. „Das verschafft mir Luft zum Durchatmen, ich kann mir die Turniere endlich wieder aussuchen. Zuletzt bin ich nur von einem Turnier zum nächsten gerannt, um irgendwie Punkte zu sammeln“, sagte Schüttler. Wie weit die „zweite Luft“ des 32-Jährigen reichen wird, vermag er selbst nicht einzuschätzen, die Lust auf seinen Beruf hat Schüttler zumindest wiedergefunden: „Ich bin wieder fit und sehe jetzt einfach, was passiert. Ich liebe Tennis – und aufhören will ich sicher noch nicht.“

Zumal sich auch Schüttlers Langzeittraum von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking immer noch erfüllen kann, da der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sich nicht abgeneigt zeigte, ihn als so genannten Härtefall nachzunominieren. Dann könnte Schüttler erneut mit Nicolas Kiefer im Doppel antreten und versuchen, die „Rechnung zu begleichen“, die nach ihrer dramatischen Niederlage mit vier vergebenen Matchbällen vor vier Jahren im olympischen Finale von Athen noch offen ist. Dann wäre die Genugtuung für Rainer Schüttler wohl endgültig vollkommen.

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