Ende eines Traums : Halbmondsüchtig in Istanbul

Diesmal hat es nicht zur Wende gereicht, in allerletzter Sekunde. Trotz der Niederlage gegen Deutschland: Die Türken sind stolz auf ihre Nationalmannschaft. Viele finden, ihre Erfolge bei der Europameisterschaft sind der Beweis, dass ihr Land in die EU gehört.

Thomas Seibert[Istanbul]
Turkiye
Der Traum ist aus. Trauer in Istanbul nach der Niederlage.Foto: AFP

Minutenlang bleibt es totenstill in den Straßen von Istanbul, es ist genau 23 Uhr 38 in der Türkei – 22 Uhr 38 in Basel –, und ein Traum ist zerplatzt. Philipp Lahm hat soeben das Tor zum 3:2 geschossen. Der Taksim-Platz in der Istanbuler Innenstadt, wo sich zehntausend Menschen zum Public Viewing verabredet hatten, leert sich fast gespenstisch schnell, friedlich, still, schon zehn Minuten später kommen die ersten Straßenkehrer auf den Platz. Ehrenvoll verloren, werden an diesem Donnerstag viele Türken sagen. Und vielleicht werden sie dem Passanten zustimmen, der vor dem großen Spiel bemerkt hatte: „Wenn schon verlieren, dann gegen Deutschland.“ Trotz der Niederlage: Es waren besondere Wochen für die Türken. Bis zuletzt hat das Land eine Euphorie ohnegleichen erlebt, Istanbul ein einziger Fanklub.

Es war ein ganz besonderes Bündel, das Cem Aydogmus an diesem Tag noch bis zum späten Nachmittag durch die Straßen schleppte. Zwei Dutzend türkische Fahnen hatte sich der schmächtige junge Mann auf seine linke Schulter gelegt, die roten Flaggen mit Halbmond und Sichel hingen hinter seinem Rücken, fast berührten sie das Pflaster. In seiner Rechten schwenkte Cem eine einzelne Fahne und streckte sie potenziellen Kunden entgegen. Zehn Lira kostete sie, etwa fünf Euro. Cems Geschäfte gingen gut.

Die Türken sind die führenden Fahnenfans der Welt. Sie haben sogar ein Flaggengesetz (das übrigens vorschreibt, dass die linke Sternspitze und die obere Spitze des Halbmondes nicht auf einer Linie liegen dürfen). Kaum ein Haushalt hat sie nicht gehortet in den letzten Wochen: Zwei Millionen Fahnen sind im Land verkauft worden, seit am 7. Juni die Fußball-Europameisterschaft begann.
Schon am frühen Morgen hatte die sonore Stimme eines Nachrichtensprechers im Radio das Publikum mit bedeutungsschwangeren Worten begrüßt: „Liebe Zuhörer und Zuhörerinnen, der große Tag ist gekommen.“ Das Spiel gegen Deutschland, das erste Halbfinale einer Europameisterschaft, das die Türkei jemals erreicht hat. „Wir wünschen unserem ganzen Stolz, unserer Nationalmannschaft, viel Erfolg“, stand auf riesigen Spruchbändern an Autobahnbrücken. Der Sportartikelhersteller Nike, der die türkische Mannschaft ausstattet, kam mit den Nationaltrikots nicht mehr nach und musste Sonderschichten fahren.

Dass die fußballverrückten Türken die Europameisterschaft gebannt verfolgt haben, ist an sich kein Wunder angesichts der türkischen Überraschungssiege – ein Wunder ist eher die Ruhe, mit der das bisher geschah. Man hatte sich Sorgen gemacht. Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk hatte noch kurz vor der EM gewarnt, dass das Turnier den türkischen Chauvinismus stärken könnte.

In ihrer Beziehung zu Europa befinde sich die Türkei in einem Dilemma, schreibt der Autor Tobias Schächter in „Süperlig – die unerzählte Geschichte des türkischen Fußballs“ (Kiwi 2008). Einerseits gelte noch der von Atatürk propagierte Weg des Nacheiferns, andererseits sorge das „für ein Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Europa und eine Mauer der Ablehnung gegen das ethnisch-kulturell andere“. Der Fußball sei dabei eine große Projektionsfläche für die Nationalisten. Wenn die türkische Nationalmannschaft in Europa spiele, dann gingen die Emotionen normalerweise sehr hoch. Und die Feindseligkeit wachse.
Es gab Beispiele dafür. Als die Türken Ende 2005 nach einem vergeigten Qualifikationsspiel gegen die Schweiz in Istanbul aus dem Turnier flogen, ließen sie ihre Wut an den Gästen aus: Schweizer Spieler wurden noch im Stadion von der türkischen Mannschaft und ihren Betreuern verprügelt. Aber auch die politische Lage spiegelt sich schnell in der Fußballszene wider. Als die PKK im Oktober 2007 zwölf türkische Soldaten tötete und der militärische Konflikt wieder aufflammte, übertrug sich die aufgeheizte Stimmung sofort. Als die Mannschaft dann für die EM-Qualifikation in Moldawien antrat, salutierten Spieler und Fans bei der Nationalhymne wie Soldaten.

Dieses Mal aber sah die Sache anders aus. „Unser Land hat diesen Sieg gebraucht“, hatte Premier Erdogan nach dem Erfolg der Türken über Kroatien und dem Einzug ins Halbfinale gesagt. Vielleicht hatte er therapeutische Wirkung. In Ankara gibt es schwere innenpolitische Spannungen. Erdogans Regierungspartei droht das Verbot, es wird über vorgezogene Neuwahlen spekuliert, die Wirtschaftslage wird schlechter, und die Risse zwischen anatolischem Mittelstand und säkularer Elite vertiefen sich. Da war der Fußball eine willkommene Ablenkung.

Der Fußball hat nun für ein paar Tage die Gesellschaft geeint, und das türkische Nationaltrikot – egal ob von Nike oder billige Kopie – war ihre Uniform. Gestern trugen es sowohl die Lastenträger in der Istanbuler Innenstadt als auch die Kellner in den schönen Bars am Bosporus und die neureichen Flaneure im schicken Etiler-Viertel.

Für den Fahnenverkäufer Cem und viele andere Türken hatte das Turnier aber noch eine andere Bedeutung. Es ging um das „Europa“ in Europameisterschaft. „Vielleicht denken die großen Länder in Europa jetzt mal mehr an uns“, sagt Cem. Fußballerische Erfolge als Krücke für den lahmenden Beitritt zur EU? „Vielleicht nützt es was“, sagt Cem.

Die türkische Presse vergleicht die Triumphe ihrer Mannschaft gerne mit der türkischen Belagerung von Wien im 16. und 17. Jahrhundert. Denn auch diesmal haben die Türken an die Tür Europas geklopft. Als Erdogan vor einigen Tagen sagte, die Siege der Nationalmannschaft seien ein Beweis dafür, dass die Türkei zu Europa gehöre, da sprach er vielen Landsleuten aus dem Herzen.
„In diesem Land gibt es eine Identitätskrise“, sagt Deniz Gökce, ein Kolumnist für die Zeitung „Aksam“; auch er spricht von einem Minderwertigkeitskomplex. Grundpfeiler für die Verankerung in der westlichen Welt sind bisher nur die Mitgliedschaft in der Nato – und die Aufnahme der Türkischen Fußball Föderation in die Uefa. Bis heute ist Letztere die einzige europäische Institution, in der die Türkei vollwertiges Mitglied ist. „Haben Sie gehört, was die türkischen Fans nach dem Sieg über die Tschechen gerufen haben?“, fragt Gökce, und er schickt die Antwort gleich hinterher. „Sie riefen: ‚Europa, Europa, höre unsere Stimme.‘“

Der Spruch stand auch auf T-Shirts, die mit Beginn der EM plötzlich in Istanbuler Läden auftauchten. Für Gökce legt der Slogan den Blick auf tiefe historische Wunden seiner Landsleute frei. „Wir reden hier über ein Land, das die Industrialisierung verpasst und das einen Kollaps erlitten hat, als es vom Weltreich zum doch recht kleinen Staat geschrumpft ist“, sagt er vor dem Spiel gegen Deutschland. Bei der EM aber spiele die Türkei endlich einmal im Konzert der großen Nationen mit. Deshalb habe sogar das frühe Ausscheiden von Frankreich für die Türken politische Aspekte. Schließlich hatte der französische Präsident Sarkozy eine türkische EU-Mitgliedschaft vehement abgelehnt. Jetzt laute der Spielstand „Türkei 1 – Sarkozy 0“, sagt Gökce.

Bei Deutschland ist das allerdings etwas ganz anderes. „Wir Türken lieben die Deutschen“, sagt Hüseyin Tasdelen, der ein paar Stunden vor Anpfiff durch Istanbuls Straßen geschlendert ist und sich am Trubel freute. Tasdelen, 59, Frührentner, ist in vielen Dingen ein typischer Türke: Er ist klein und rund, er trägt einen Schnurrbart, er unterstreicht seine Sätze mit weit ausholenden Armbewegungen – und er lässt nichts auf die Deutschen kommen. „Seit osmanischer Zeit sind wir schon zusammen“, findet er. „Im Ersten Weltkrieg waren wir zusammen, und im Zweiten Weltkrieg haben alle gegen die Deutschen gekämpft, nur die Türken nicht.“

Auch heute noch seien die 80 Millionen Deutschen und die 70 Millionen Türken so eng miteinander verbunden wie sonst kaum zwei Nationen, die geografisch so weit auseinanderliegen. Und selbst im engeren fußballerischen Sinne wird diese Verbundenheit in der Türkei hochgehalten – viel mehr als in Deutschland. „Jupp Derwall“, sagt Tasdelen nachdrücklich, als würden allein diese beiden Worte alles sagen: Das Wirken des früheren deutschen Bundestrainers in der Türkei ist bis heute unvergessen. Auch der derzeitige Bundestrainer Joachim Löw hat schon am Bosporus gearbeitet. „Das ist vielleicht ein Gentleman“, findet Tasdelen anerkennend. „Wenn wir selbst nicht bei der Europameisterschaft dabei gewesen wären, hätten die Türken den Deutschen die Daumen gedrückt“, glaubt er. „Für die Engländer oder die Franzosen hätten wir das nicht gemacht.“

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