Sport : Ende und Anfang

Matej Mamic gibt 14 Monate nach dem Unfall sein Karriereende bekannt – er bleibt als Trainer bei Alba

Helen Ruwald

Berlin - Wieder hielten die Fernsehkameras und Objektive jede Bewegung fest. Damals, am 11. Dezember 2005, hatten sie einen Mann mit riesiger Halskrause eingefangen, der darauf bestand, vom Rollstuhl die letzten zwei Schritte alleine zu seinem Stuhl im Unfallkrankenhaus Marzahn (UKB) zu gehen. Dennoch sprach Matej Mamic damals voller Lebensmut von seinen Fortschritten. Zwei Wochen zuvor hatte Alba Berlins Basketballprofi schließlich regungslos auf dem Boden der Max-Schmeling-Halle gelegen, zeitweise vollständig gelähmt nach seiner Rückenmarksverletzung im Spiel gegen Trier. Nur die Augen hatte er bewegen können. Tagelang musste er gefüttert werden, weil er mit der Hand den Mund nicht erreichte. Sein Ziel war es, wieder ein normales Leben zu führen. Sein Traum ein Comeback als Profi.

Exakt 14 Monate nach dem Unfall saß der 32-jährige Kroate gestern erneut im Scheinwerferlicht, diesmal im Pressekonferenzraum der Max-Schmeling-Halle. Der Unfall hat keine für den Laien sichtbaren Spuren hinterlassen. In Jeans und schwarzem Jacket drehte Mamic sich zu Albas Geschäftsführer Marco Baldi um, lachte kurz. Beide redeten leise miteinander. Dann herrschte Stille im Raum, Stille wie in Erwartung einer großen Neuigkeit. Doch es war die Stille vor der Endgültigkeit, die Ankündigung selbst erstaunte keinen. Matej Mamic gab offiziell den Abschied von seinem Traum bekannt. „Ich habe alles versucht, aber es hat keinen Sinn mehr“, sagte er. „Ich sitze hier mit gemischten Gefühlen. Ich musste meine Karriere beenden, aber ich habe das Lächeln in die Gesichter meiner Kinder zurückgebracht.“ Der damals einjährige Bruno und die fünfjährige Antonija hatten in der Halle den Unfall miterlebt, bei dem ihr Vater sich am 26. November 2005 gegen 20 Uhr bei einem Zusammenstoß so schwer verletzt hatte, dass er mit dem Rettungshubschrauber abtransportiert werden musste. Das Spiel wurde abgebrochen. Mamics älteste Tochter Mateja sah im kroatischen Fernsehen die Schreckensbilder.

Der Abschied von seinem Traum war ein Abschied auf Raten. Mamics erster Satz verriet gestern, dass er seinen Rücktritt gedanklich schon vor einiger Zeit beschlossen hat, auch wenn er es nicht zugeben wollte, vielleicht nicht einmal vor sich selbst. „Wie Sie wissen, musste ich meine Karriere beenden“, sagte Mamic. „Aber ich bin glücklich, als Trainer in Berlin zu bleiben.“ Zweimal drohte seine Stimme zu kippen, doch sonst hatte Mamic sich in diesem emotionalen Moment im Griff – auch wenn er nicht so viel Fröhlichkeit ausstrahlte wie sonst.

„Ich glaube, es ist eine große Erleichterung für Matej, sich zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben“, sagte Albas Geschäftsführer Marco Baldi, „wir freuen uns, eine absolute Persönlichkeit weiter bei uns zu haben.“ Der Vertrag läuft bis Sommer 2009. Zunächst soll Mamic bei Alba bei verschiedenen Teams hospitieren und die Trainerlizenz erwerben. „Unser Jugendprogramm wird ausgebaut. Da werden gute Trainer immer gebraucht. Früher oder später wird er die Verantwortung für eine konkrete Mannschaft bekommen“, kündigte Baldi an.

Mamic hat schon vielen Jugendteams zugeschaut, selbst die neunjährigen Talente kennt er. Und immer wieder war er bei den Zweitligaspielen vom Kooperationspartner TuS Lichterfelde. „Alba ist im Moment wie meine Familie“, sagte Mamic, dessen Frau mit den Kindern in Split lebt. Auch bei der kroatischen Nationalmannschaft, deren Kapitän er war, könnte er als Kotrainer einsteigen, doch vorerst hat Alba Priorität.

Mamic hat Probleme mit seiner linken Körperhälfte und wird vermutlich sein Leben lang Reha-Übungen machen müssen, um Fehlbelastungen entgegenzusteuern. „Es ist aber durchaus möglich, dass er weitere Fortschritte macht“, sagte Professor Walter Schaffartzik, der Ärztliche Leiter des UKB. In den Wochen nach dem Unfall hatte sein Patient auch ihn mit seinen rasanten Fortschritten verblüfft. Mamic war sich sicher, dass er auf das Spielfeld zurückkehren würde. „Ich kenne meinen Körper am besten“, hat er oft gesagt. Doch irgendwann musste er sich eingestehen, dass er seinen Körper nicht unter Kontrolle hatte. Sein Kopf wusste bei schnellen Bewegungen, was zu tun war, doch Arme und Beine hörten nicht darauf. „Ich laufe wie eine Ente, nicht wie ein Mann“, hat Mamic einmal gewitzelt. Dem Stillstand folgte im Juni der Rückschritt. Als er beim Krafttraining immer mehr Gewichte drauflegte, war die Koordination schlechter als zuvor. Das Training wurde umgestellt.

Dennoch bot ihm Alba einen neuen Vertrag an, ein Zeichen für das von Herzlichkeit und Respekt geprägte Verhältnis zwischen Verein und Sportler. 2004 war Mamic von Cibona Zagreb nach Berlin gewechselt, ein Jahr später ernannte ihn Trainer Henrik Rödl zum Kapitän. Mit seinem Kampfgeist wurde er schnell zum Publikumsliebling. Auch auf dem aktuellen Mannschaftsfoto steht Matej Mamic hinten links, im gelben Trikot mit seiner Nummer sechs. Er sollte sich als Teil des Teams fühlen, Alba wollte ihm die Hoffnung auf ein Happy End nicht nehmen. Er allein sollte entscheiden, wann es an der Zeit ist, die Comebackversuche abzubrechen. Mamic hat auf seinen Körper gehört. In Zukunft wird er im Trainingsanzug auf den Fotos zu sehen sein.

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