Sport : Endlich gelandet

Piotr Trochowski, der Sieg-Torschütze gegen Wales, hat seinen Platz in der Nationalelf gefunden

Michael Rosentritt[Mönchengladbach]

Piotr Trochowski ist ein Fußball spielendes Kerlchen von gerade Mal einssiebzig. Das ist durchaus erwähnenswert – um zu erahnen, wie es ihm ergangen sein muss, als sich nach seinem erlösenden Tor gegen Wales eine Traube von zehn Nationalspielern über ihn legte wie eine große Decke. Man konnte das kollektive Jubelverhalten seiner Mitspieler durchaus verstehen an diesem Abend in Mönchengladbach, kein Ball wollte rein ins walisische Tor, bis sich Trochowski eine Viertelstunde vor dem Ende die entscheidende Lücke auftat. Sein Schuss war wie ein K.-o.-Schlag für die Briten. Es muss noch erwähnt werden, dass Trochowski neben seiner ausgefeilten Schusstechnik über eine zweite Qualität verfügt. „Nach dem Tor schaltet der Kopf ein bisschen ab“, sagte er. Vor Freude habe er anschließend „den Diver“ auf dem Rasen gemacht, und wisse nur noch, wie er anschließend in die deutsche Hälfte zurückgelaufen sei, „das Dazwischen habe ich vergessen“.

Piotr Trochowski ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, dass nicht jeder Schmerz sich durch bloßes Kopfabschalten vergessen oder verdrängen lässt. Seit Jahren gilt der wendige Mittelfeldspieler vom Hamburger SV als eine Art Hoffnungsträger. Nach der WM 2006 berief ihn Joachim Löw erstmals in die Nationalmannschaft, er kam vereinzelt zu Einsätzen, ohne groß Eindruck zu hinterlassen. Für die Nationalelf war er ein Typ, bei dessen Einwechslung die Leute sagten: Ach guck, den gibt es ja auch noch. Während der Europameisterschaft in diesem Sommer wurde er nicht einmal eingesetzt. Das schmerzte, wie Trochowski am Mittwochabend noch einmal erzählte. Aber er habe aus diesen schweren Momenten Motivation gezogen. Der Saisonstart mit dem HSV klappte, Trochowski blieb fit und zeigte sehr gute Leistungen. Der Trainerwechsel beim HSV vom defensiv orientierten Holländer Stevens zum offensiv freudigen Holländer Jol spielte ihm in seine geschickten Füße. „Ich kann mehr die Initiative suchen. Mit meinen Pässen und Schüssen kann ich dem Team helfen.“

Das war auch dem Bundestrainer nicht entgangen. Gegen Wales war Trochowski seit der EM bereits das fünfte Mal in Folge in der Startelf. Schon gegen Russland hatte er seine Qualitäten angedeutet, seinem ersten Treffer im DFB-Team hatte sich nur die Querlatte des russischen Tores in den Weg gelegt. „Er war immer ein guter Fußballer, aber er hat es nicht geschafft, seine Qualitäten zu zeigen“, sagte Löw über den 24-Jährigen. Mit der gestiegenen Wertschätzung sei er aber auffallend selbstbewusster geworden. „Schön, dass ihm jetzt das Tor gelungen ist“, sagte Löw.

Der Bundestrainer darf für sich in Anspruch nehmen, dass er am Hamburger festgehalten hat. Längst nicht alle Experten waren davon überzeugt. Vor dem ersten Länderspiel nach der EM gegen Belgien führte Löw ein längeres Gespräch mit Trochowski, von dessen Schusstechnik und Spielintelligenz er immer überzeugt war. „Ich habe ihm aber gesagt, wo er sich noch verbessern könne und dass ich jetzt den nächsten Schritt von ihm erwarte“, erzählte Löw.

Mittlerweile sieht sich der Bundestrainer bestätigt und findet seine linke Flanke, bestehend aus Trochowski im Mittelfeld und Philipp Lahm dahinter, „hervorragend“. Es sei schon „imponierend, mit welcher Intensität“ beide dort spielten. „Der Philipp gibt einem immer eine Option, du kannst ihn immer anspielen“, sagte Trochowski. Und auch Lahm gab Komplimente zurück: „Es macht Spaß mit ihm auf einer Seite und ich glaube, das sieht man auch.“

Das gute Zusammenspiel auf der linken Seite hat Gründe. „Ich kenne Philipp, seit ich 15 bin und in der B-Jugend bei den Bayern mit ihm spielte“, erzählt Trochowski. Aufgewachsen ist er in Tczew, Polen. Als er fünf Jahre alt war, kamen seine Eltern nach Hamburg-Billstedt, vor neun Jahren wechselte er vom FC St. Pauli zum FC Bayern. Im April 2003 hatte er in Hannover sein Profi-Debüt. Trainer Ottmar Hitzfeld lobte hinterher: „Er steht vor einer großen Zukunft.“ Franz Beckenbauer nahm seinerzeit Jugendtrainer Gerd Müller beiseite und wies an: „Auf den musst du achten, Gerd.“ Doch dann kamen die Verletzungen. Im August 2004 rissen Trochowski die Bänder im Knöchel. Die Bayern verkauften ihn im Winter 2004/05 zum HSV. Nach seinem Wechsel passierte dem Hochgelobten das nächste Unglück: Bei seinem ersten Auftritt für den neuen Klub traf er auf seinen alten Verein – die Bayern. Ex-Mitspieler Torsten Frings trat ihm nach 13 Minuten die Bänder kaputt. Doch Trochowski ließ sich nie entmutigen.

Inzwischen darf sich auch Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge bestätigt sehen. Bei Trochowskis Abschied hatte er gesagt, der FC Bayern mache einen Fehler. „Wenn er bei uns nicht zum Topspieler wird, dann haben wir etwas falsch gemacht.“ Nun steht Piotr Trochowski beim HSV bis 2001 unter Vertrag und ist auch in der Nationalelf angekommen. Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern sagte: „Ich freue mich, dass er jetzt den Sprung geschafft hat und sich mit dem Tor belohnt hat.“ Es ist gut, wenn man manchmal das Dazwischen einfach vergisst.

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