Sport : Endlich gesellschaftsfähig?

Wenn kleine Welten zusammenbrechen: Die Probleme des DDR-Rekordmeisters BFC Dynamo als Viertligist im Jahre 2006

Andreas Gläser

Berlin - Der BFC Dynamo, immerhin DDR-Rekordmeister und häufiger Teilnehmer am Europapokalwettbewerb, sieht sich dieser Tage einer Unruhe ausgesetzt, die den durchaus erfolgreichen Trainer Fijalek und seinen Kotrainer Rudwaleit dazu veranlasste, den Job aufzugeben, womit sie dem Präsidenten Weinkauf zuvorkamen, der angekündigt hatte, aller Voraussicht nach in den nächsten Tagen zurückzutreten. Meiner Ansicht nach ist diese neuerliche Zerreißprobe auf das Derby im Mai dieses Jahres zurückzuführen, als einige hundert BFC-Fans die Kurve der Union-Anhänger angriffen. Nun kochte die Berliner Fußballvolksseele auch bei Hertha und Union gelegentlich über, aber die Medien hielten das nur kurz für die Nachwelt fest, die Vereinsoberen verstärkten ihre Vorkehrungen, man widmete sich schnell wieder dem Sport; Vereinsfahnen drüber ... Mir ist nicht bekannt, das dort wegen einer Ausschreitung ein Hauptsponsor absprang, worauf im Etat ein Loch entstand, das den jeweiligen Verein an den Rand des Ruins trieb.

Beim BFC kam es in diesem Jahrtausend zum ersten Mal zu einem Platz- und Kurvensturm, nach dem es ohnehin nicht unbedingt aussah, als beispielsweise während der ersten Spielhälfte von BFC-Fans eine Rauchbombe gezündet wurde, worauf ein Ordner mit einem Wassereimer kam, flankiert von zwei Polizisten. Der qualmende Gefahrenherd wurde gelöscht, die Fans reagierten gelassen. So hätte es auch während der zweiten Spielhälfte sein können, als ein BFC-Fan wiederholt die Absperrung überwand und vor der Gästekurve selbige fotografierte, bis sich ein zweiter dazugesellte und die Wasserträger in der Knautschzone überfordert waren. Warum auf diesem bis dato nichtigen Nebenkriegsschauplatz nicht wenigstens drei der 1000 im Sportforum anwesenden Beamten auftauchten, wurde kaum gefragt. Als einige Union-Anhänger reagierten, fühlten sich viele BFC-Fans aufgefordert, die Losung „Ihr habt bezahlt, ihr dürft jetzt gehen!“ einzulösen. Die Bilder gingen durch die Medien. Der damalige Hauptsponsor und einige Potenzielle sahen eine kleine Welt zusammenbrechen. Letztens musste Präsident Weinkauf die daraus resultierende Unterdeckung von 150 000 Euro für die laufende Saison erklären, zumal der BFC umso volksnäher scheint, je kleinere Kreise er zieht. Zur Weißglut brachte einige Kleinsponsoren und Fans, dass Weinkauf die Probleme ihrer Meinung nach zu spät ansprach. Internes wurde im Internet diskutiert. Als letzte hoffnungsvolle Meldung kam nun, das sich Kapitän Lenz und Torwart Thomaschewski als Trainer ins Zeug legen werden.

Immerhin hatte Weinkauf wie kein Präsident vor ihm ein großes Problem zur Diskussion gebracht, er wollte den Verein endlich gesellschaftsfähig machen, die Verträge mit Kleinsponsoren aus dem vermeintlich rechten Spektrum nicht verlängern – aber das Umfeld habe ihn boykottiert. Der nächste Präsident, der dieses Problem nicht beherzigt, wird mit dem Verein eher stagnieren als sich bewegen, aber überleben. Ich sehe beim BFC nach wie vor das Potenzial, mehr als nur eine große Nummer im Nordosten Berlins zu sein. Aber im Sportforum sind „Imagewechsel“ und „Niveau“ Reizwörter, auch weil in der jüngeren Vergangenheit einige vermeintliche Heilsbringer den BFC fast aus dem Spielbetrieb kickten, worauf sich Dynamo jahrelang mit dem Insolvenzverfahren herumzuschlagen hatte, was soviel heißt, dass normale Fans auf eigene Kosten durch die Lande fuhren, um diverse Gläubiger davon zu überzeugen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Auch in Weinkaufs Amtszeit blieb zu viel Arbeit an einigen Ehrenamtlichen hängen. Umso verwunderlicher, wenn beim Oberligisten zwischenzeitlich von einem „Champions-League-tauglichen Stadion in Hohenschönhausen“ die Rede war. Funktionärsflausen? Vor drei Wochen musste Weinkauf, um einige Finanzlöcher im Jugendbereich zu stopfen, unwillig auf das Geld eines alten (und neuen) Sponsors zurückgreifen, der Berliner Telekommunikationsfirma Infinity.

So steht es um den Traditionsverein in unserer Sport- und Wirtschaftsmetropole. Mich wundert es nicht, wenn umstrittene Fans das Zepter übernehmen. Beim BFC entspricht das Publikum sicher nicht dem Schnitt der Bevölkerung, derart geballt auftretende Männer können bedrohlich wirken, aber ich halte die wiederholte Stigmatisierung zum „Nazi-Verein“ für kontraproduktiven Quatsch. Der BFC polarisiert, egal, in welcher Liga, oder um die Worte des Radiomoderators Electric Galenza sinngemäß wiederzugeben, als er für ein Musikmagazin befragt wurde, welches sein Lieblingsband-Shirt sei: „Wirklich starke Charaktere tragen nach wie vor ein Shirt vom BFC Dynamo!“

Der Autor ist Schriftsteller und BFC- Fan. Er hat unter anderem das Buch „Der BFC war schuld am Mauerbau. Ein stolzer Sohn des Proletariats erzählt“ (Aufbau Verlag) geschrieben.

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