Sport : "Endlich hat sich einer gewehrt"

Nico Motchebon über Pläne und die nationale Konkurrenz TAGESSPIEGEL: Wie sieht Ihre Saisonplanung aus? MOTCHEBON: Nach den Deutschen Hallen-Meisterschaften werde ich voraussichtlich auch bei der Hallen-WM starten.Anschließend folgt Mitte März ein zweimonatiges Trainingslager in Flagstaff.Hauptziel im Sommer sind dann die Weltmeisterschaften in Athen. TAGESSPIEGEL: Mit welchen Zielen fahren Sie zu einer Hallen-WM.Sehen Sie ein solches Ereignis noch so locker wie vor vier Jahren? MOTCHEBON: Man kann sicher nie vorher sagen: Ich gewinne eine Medaille.Aber wenn ich dorthin fahre, will ich mir zumindest keine Gedanken darüber machen müssen, ob ich wohl das Finale erreiche.Das war sicherlich vor vier Jahren noch nicht so.Damals habe ich mir gesagt, mal sehen, was so geht.Ich denke, in diesem Jahr wird es nicht leichter, denn die Prämien der IAAF werden Läufer locken, welche die Halle sonst auslassen.Meine Planung richtet sich aber nicht nach Prämienhöhen - ich laufe, weil es mir Spaß macht. TAGESSPIEGEL: Eine Medaille bei einer großen Freiluft-Meisterschaft fehlt Ihnen noch.Wie wichtig ist Ihnen eine solche Plakette und wie hilfreich wäre sie in Bezug auf die mögliche Verpflichtung von Sponsoren? MOTCHEBON: Eine Medaille ist sicher das Ziel und der Grund, warum man diesen ganzen Aufwand veranstaltet.Aber wenn andere schneller sind, muß man das akzeptieren.Ich bin beim Finale in Atlanta Bestzeit gelaufen, vier waren besser - das ist o.k..Ich habe ja noch ein paar Versuche, und irgendwann wird es schon klappen.Eine Medaille ist sicher hilfreich, aber ich komme auch so ganz gut zurecht. TAGESSPIEGEL: Können Sie die bisherige jährliche Steigerung 1997 fortsetzen.Was für eine Zeit trauen Sie sich in der Zukunft zu? MOTCHEBON: Je besser die Zeiten werden, desto schwieriger ist es natürlich, sie zu unterbieten.Bis zum letzten Jahr war eine 43er- Zeit immer noch verdammt gut.Ich hoffe, mich auf eine Zeit um 1:43,50 Minuten steigern zu können, und der deutsche Rekord (1:43,65 von Willi Wülbeck, d.Red.) ist eines meiner Ziele.Wenn ich irgendwann einmal ein optimales Rennen erwische und in Topform bin, könnte vielleicht eine Zeit von knapp unter 1:43 möglich sein. TAGESSPIEGEL: Wo sehen Sie Reserven für Steigerungen? MOTCHEBON: Meine Trainingsintensitäten sind noch lange nicht ausgereizt.Das hängt auch damit zusammen, daß ich noch Olympia 2000 erleben möchte.Es ist aber immer eine Frage der Motivation.Atlanta war eine große Motivation für mich, und danach war ich eher etwas unmotiviert.Aber ich denke, durch dieses kleine Tief, das sich, noch begünstigt durch einen Virus, auch im ersten Wettkampf der Hallensaison zeigte, bin ich durch. TAGESSPIEGEL: In diesem ersten Wettkampf hat Joachim Dehmel Sie geschlagen, später hat Sie bei einem gescheiterten Weltrekordversuch Mark Eplinius überholt - plötzlich hat Nico Motchebon nationale Konkurrenz. MOTCHEBON: Vier Jahre hat es gedauert, bis sich endlich mal einer wehrt - das wird höchste Zeit.Jetzt wird es auch bei nationalen Meisterschaften interessant, nachdem es bisher ja eher langweilig war.Es ging eigentlich nur darum, wie ich gewinne und nicht, ob ich gewinne. TAGESSPIEGEL: Daß Eplinius und Dehmel so stark geworden sind, ist sicher auch ein Verdienst von Ihnen, schließlich trainieren Sie zeitweilig mit den beiden unter ihrem Coach Idriss Gonschinska. MOTCHEBON: Ich denke, wir haben alle von diesem Trainingsverbund profitiert.Für die beiden war es wichtig, daß sie Anleitungen von einem Trainer wie Idriss erhalten.Joachim hat immer allein trainiert - da zweifelt man zwangsläufig irgendwann.Ich glaube aber, daß ich vielleicht sogar mehr von den beiden profitiert habe als sie von mir.Denn ich bin im Training nicht so belastbar wie Mark und Joachim.Ich bin eher ein Wettkampftyp, der aus wenig viel machen kann. TAGESSPIEGEL: Inwiefern merken Sie, daß Sie zu einem Vorbild geworden sind? MOTCHEBON: Es wird viel stärker auf mich geachtet, als es mir lieb ist.Ich merke dabei gar nicht immer, daß mich viele genau beobachten und vielleicht auch Dinge kopieren - ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht.Ich muß vorsichtig sein, was ich sage, denn man darf den Einfluß auf die Jugend nicht unterschätzen. TAGESSPIEGEL: Wie sehen Sie die Entwicklung der deutschen Leichtathletik? MOTCHEBON: Wir stehen gar nicht so schlecht da.Man darf nicht immer nur Medaillen zählen, sondern muß auch andere Leistungen anerkennen.Sicher hätte eine Medaille besonders im Laufbereich eine hohe Außenwirkung.Ich denke aber, es gibt Leute, die gute Chancen haben, das zu schaffen. TAGESSPIEGEL: Denken Sie an ein Karriereende oder an einen Wechsel auf eine längere Strecke? MOTCHEBON: Nach dem Olympiajahr 2000 werde ich sehen, was ich meinem Körper noch zumuten kann.Eine längere Strecke werde ich bestimmt nicht laufen.Zwei Runden sind genau das richtige für mich.Ich habe mich einmal über 1500 Meter versucht - es war die Hölle.Mit Motchebon sprach Jörg Wenig

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