Sport : Endlich Instinktschwimmer

Die Arbeit mit dem Mentaltrainer zahlt sich aus: STEFFEN DEIBLER erreicht sensationell Platz vier.

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Das chinesische Schwimmwunderkind Ye Shiwen räumte schon als Neunjährige Medaillen ab, wie ein Blick in das Familienfotoalbum zeigt (oben). Die Südkoreanerin Shin A-Lam wurde durch ihre Tränen nach dem verlorenen Fechtkampf mit Britta Heidemann berühmt. Fotos: Reuters, AFP
Das chinesische Schwimmwunderkind Ye Shiwen räumte schon als Neunjährige Medaillen ab, wie ein Blick in das Familienfotoalbum...Foto: AFP

Wenn es Steffen Deibler auch noch „geil“ gefunden hätte, dass sich ein junger Volunteer in der Mixedzone gerade eine Baseballkappe aufgesetzt hat, dann hätte er gefühlt die 100 erreicht. Großzügig geschätzt 100 Mal brachte er in einem Fünf-Minuten-Statement „geil“ unter, das muss man erst mal hinkriegen. Deibler stand mit nackten Füßen und in seiner Schwimmhose da, mit glänzendem Blick, weil er über 100 Meter Schmetterling im Finale Vierter geworden war, und erhob seine sportliche Welt zum Paradies.

Alles geil hier in London und überhaupt. „Ich bin geil geflogen.“ – „Es war geil, gegen Phelps die Bahn entlangzuballern.“ – „Es ist geil, dass sich die harte Arbeit bei Olympia auszahlt.“ – „Es ist geil, dass ich meinen olympischen Traum erfüllt habe.“ Und so weiter.

Man muss das natürlich verstehen. Steffen Deibler aus Hamburg ist endlich auch mal bei einem internationalen Topwettkampf optimal geschwommen. Dafür musste er 25 Jahre alt werden. Schon im Vorlauf und im Halbfinale hatte er jeweils persönliche Bestzeit erzielt, im Finale lag er bei der Wende sogar auf Rang zwei, und bis 30 Meter vor dem Ziel behauptete er Rang drei. Erst dann fiel er auf den vierten Platz zurück. Den Sieg sicherte sich mal wieder Michael Phelps, der US-Superstar. Sein Finalkonkurrent Deibler verkündete: „Mein Traum war der Einzug ins olympische Finale. Dass ich jetzt noch mehr erreicht habe, das ist…“ Na, was ist das? Genau.

Das hat natürlich vor allem mit Petra Wolfram zu tun, seiner Trainerin. Das ist aber auch das Verdienst von Ulrich Oldehaver. Er ist Deiblers Mentaltrainer. Er arbeitet seit 18 Monaten mit diesem Klienten. Er ist dafür verantwortlich, dass Deibler lächelnd mitteilte: „Ich war auf dem Startblock viel entspannter als früher.“

Früher stand Deibler auf dem Block wie ein verkrampfter Schüler vor der ersten Tanzstunde. Zumindest wenn er bei Topereignissen war und neben ihm die Weltstars ihre Muskeln anspannten. Deibler ließ sich durch ihre Erfolge, ihre Körpersprache, ihr demonstratives Selbstbewusstsein einschüchtern. Seine große Bühne war die Kurzbahn, die sportlich nicht viel gilt und bei der viele Stars aus vollem Training starten. Auf der Kurzbahn holte Deibler bei der EM 2010 vier Titel. Auf der 50-Meter-Bahn im olympischen Pool von Peking belegte er über 50 und 100 Meter Freistil die Plätze 38 und 33.

Dirk Lange, bis Ende 2011 Bundestrainer, stöhnte damals: „International zeigt er leider nicht das, was wir uns von ihm gewünscht hätten.“ Gewünscht hatten sie sich sehr viel von Deibler. Als „Granate“ wurde er eingestuft, damals, als er noch als Talent galt. Aber Deibler ist auch ein kopfgesteuerter Mensch, das war lange sein Problem. „Er hat gerne alles unter Kontrolle“, sagte Lange. Deibler kann Frequenzen, Zeiten, Resultate von Gegnern, einen wahren Datenfluss runterrattern, er hatte mal in einem Fitnessmagazin seinen kompletten Ernährungsplan bis zum letzten Müslikrümel veröffentlicht. Alles ist durchorganisiert bei ihm. Doch gegen diese Instinktschwimmer, die extrem hart trainieren, aber im Wasser nicht groß nachdenken, gegen die hatte er keine Chance.

Mit Oldehaver arbeitete er an diesem Manko. Eine zähe Arbeit. So schnell ändert man einen Menschen nicht. Aber inzwischen sieht man Resultate. London ist das beeindruckendste. Deibler musste ja auch die Flut von schlechten Ergebnissen seiner Teamkollegen verkraften. Sensible Typen zieht so eine Negativbilanz runter. Aber Deibler ließ wenig an sich heran, er blieb konzentriert.

Und am Freitagabend „liebäugelte ich sogar mit einer Medaille. Wenn man in einem olympischen Finale steht und das nicht macht, hat man im Hochleistungssport nichts zu suchen.“ Das waren ja markige Worte. Oldehaver hat offenbar gut gearbeitet. Denn Deibler gibt nicht bloß einfach Sinnsprüche weiter, er bleibt dabei auch realistisch. „Eine Medaille war aber wirklich nur möglich, wenn alles optimal geklappt hätte.“

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