Sport : Endlich wieder verrückt

Artur Wichniarek überrascht im Trainingslager von Hertha BSC – nun könnte er Fredi Bobic aus dem Sturm verdrängen

Stefan Hermanns[Walchsee]

Artur Wichniarek war zu schnell für das Fernsehen. Als der Sender „Eurosport“ bei Herthas Testspiel gegen Besiktas Istanbul zur zweiten Halbzeit nach Rosenheim zurückschaltete, waren erst ein paar Sekunden gespielt, aber Wichniarek hatte bereits Torhüter Oscar Cordoba umkurvt und den Ball zum 3:1 für den Berliner Fußball-Bundesligisten ins leere Tor geschoben. In der vergangenen Saison ist es nicht oft vorgekommen, dass Artur Wichniarek zu schnell für irgendwen war. „Das war eine ganz schlechte Saison für mich“, sagt der polnische Stürmer. „Jetzt läuft alles viel besser.“

Vor einem Jahr ist Artur Wichniarek mit großen Erwartungen aus Bielefeld nach Berlin gekommen, er hatte in der Saison zuvor zwölf Tore für den Absteiger erzielt, doch bei Hertha lief es von Anfang an nicht gut. Am zweiten Spieltag sah er die Rote Karte, er musste später als Rechtaußen spielen, einer Position, die ihm überhaupt nicht behagte, und zu Beginn der Rückrunde war er sechs Wochen lang verletzt. 18 Spiele hat Wichniarek für Hertha BSC bestritten, aber nur zwei von der ersten bis zur letzten Minute. Sein erstes von zwei Toren hat er am 30. Spieltag erzielt.

In der Vorbereitung auf die neue Saison sieht alles anders aus. „Er hat Selbstvertrauen, macht Tore, traut sich was“, sagt Herthas Trainer Falko Götz. Wichniarek ist ein Instinktfußballer, und es scheint, als habe er seinen Instinkt wiedergefunden. Er schießt aus allen möglichen und vor allem unmöglichen Situationen aufs Tor, sucht die Zweikämpfe, gewinnt Kopfballduelle, macht verrückte Sachen. „Ich kenne ihn nicht anders“, sagt Götz, der noch den Bielefelder Wichniarek vor Augen hat. Aber auch bei der Arminia hat Wichniarek genau wie bei Hertha ein schweres erstes Jahr gehabt, bevor er zu einem verlässlichen Torschützen wurde. „Ich habe das nicht mit Absicht gemacht“, sagt er. „Aber mit jeder schwierigen Situation, die du meisterst, gewinnst du an Erfahrung hinzu.“

Für Wichniarek und seine Kollegen aus Herthas Sturm ist die Ausgangslage in diesem Sommer nicht einfacher geworden. Falko Götz schwebt ein System mit nur noch einem echten Angreifer vor, der von zwei Halbstürmern auf den Flügeln unterstützt werden soll: Auf der linken Seite wäre das Marcelinho, auf der rechten Neuzugang Yildiray Bastürk. Mit Wichniarek, Fredi Bobic und Nando Rafael gäbe es also drei Bewerber für nur einen freien Platz im Sturm.

Durch Bastürks Verletzung ist Götz’ Überlegung erst einmal hinfällig geworden. Gegen Istanbul probierte er es mit zwei Stürmern, aber selbst dann muss einer der drei Angreifer draußen bleiben. Im Moment sieht es nicht so aus, als wäre das Wichniarek. „Jeder kriegt seine Chance“, sagt Götz. „Artur hat seine sehr gut genutzt.“ Sollte Wichniarek spielen, sähe es schlecht aus für Bobic, der ein ähnlicher Stürmertyp ist und seine Stärken ebenfalls im Strafraum besitzt. „Es spricht nichts dagegen, mit beiden zu spielen“, sagt Götz. Es spricht jedoch mehr dafür, dass einer von beiden mit Nando Rafael spielt, der beweglicher ist, Räume schafft, mit dem Ball aus dem Mittelfeld in den Strafraum stürmen kann.

Im Moment besitzen Wichniarek und Rafael auch noch den Vorteil, dass ihr Konkurrent Fredi Bobic nach seinem EM-Urlaub erst in der nächsten Woche mit der Vorbereitung auf die drei Wochen später beginnende Saison anfängt. „Das ist noch eine Menge Zeit“, sagt Artur Wichniarek. Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres ist er mit seinen Prognosen vorsichtig geworden.

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