Sport : Endlich zu Hause

Achtmal stand der FC Bayern bisher im Finale der Champions League. Das neunte Endspiel war dennoch eine Premiere.

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Doppelt war besser: Im ersten Europapokal-Finale des FC Bayern 1974 erzielte Hans-Georg Schwarzenbeck in letzter Minute mit seinem ersten und einzigen Europapokaltor das rettende 1:1 gegen Atletico Madrid. Das Wiederholungsspiel gewannen die Bayern 4:0. Acht erlebnisreiche Endspiele später erlebten die Münchener daheim erneut eine Premiere. Foto: dpa
Doppelt war besser: Im ersten Europapokal-Finale des FC Bayern 1974 erzielte Hans-Georg Schwarzenbeck in letzter Minute mit seinem...Foto: picture-alliance/ dpa

Am Samstagabend stand der FC Bayern München zum neunten Mal in einem Finale der Champions League (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet). Es war dies dennoch eine Premiere, denn nach Gastspielen in Brüssel, Paris, Glasgow, Rotterdam, Wien, Barcelona, Mailand und Madrid gaben sich die Bayern zum ersten Mal daheim die Ehre, und das auch in der vereinseigenen Arena. So ein Finale ist eigentlich nichts Neues für München, es gab schon ein paar davon, und vor zehn Jahren sogar eine Endspiel-Revanche. Zum Rencontre schritten: Miguel Reina, 1974 Torhüter von Atletico Madrid. Und Hans-Georg Schwarzenbeck, genannt Katsche. Ein eher handwerklich veranlagter Mann, immer im Schatten des großen Franz Beckenbauer, im Europapokal hat er genau ein Tor geschossen. Dieses eine Tor aber ist bis heute unvergessen, denn es machte den ersten Sieg der Bayern im Europapokal der Landesmeister überhaupt erst möglich. Wolf Wondratschek hat dem Katsche ein Gedicht gewidmet, es endet so:

Merkwürdig, daß so einer, eckig wie eine leer gegessene Pralinenschachtel, etwas trifft, das rund ist.

Folgendes ist 1974 passiert im Brüsseler Heyselstadion, in der letzten von 120 Minuten dieses ersten, schon verloren geglaubten Finals gegen Atletico Madrid. Die Bayern liegen 0:1 zurück, und es läuft ein letzter Angriff. Beckenbauer weiß nicht wohin mit dem Ball und gibt ihn Schwarzenbeck. Schwarzenbeck weiß nicht wohin mit dem Ball und schießt ihn ins Tor. Einfach so, aus 30 Metern. Miguel Reina sieht nicht gut aus bei diesem Flachschuss, er ermöglicht den Bayern ein Wiederholungsspiel, das sie zwei Tage später leicht und locker 4:0 gewinnen.

Ein Jahr nach dem Sieg über Atletico reisen die Bayern zum Da Capo nach Paris. Es geht gegen Leeds United und die berühmte englische Härte, die Bayerns Schwede Björn Torstensson schon nach vier Minuten zu spüren bekommt, als ihm der Waliser Terry Yorath Schien- und Wadenbein bricht. In England wüten sie über den französischen Schiedsrichter Michel Katabdjian, denn der verweigert Leeds erst einen Elfmeter und später die Anerkennung eines korrekten Tores. Die Bayern spielen nicht schön, aber effektiv. Franz Roth nutzt 20 Minuten vor Schluss die erste Chance zum 1:0. Gerd Müller trifft zum 2:0-Endstand, aber weil englische Hooligans Sitze aus der Verankerung reißen und auf den Rasen werfen, verzichten die Münchner dankend auf eine Ehrenrunde.

1976 komplettieren die Bayern in Glasgow mit einem 1:0 über AS St. Etienne den Hattrick und haben Glück, dass es im Ibrox-Park keinen Dopingtest gibt. Obwohl - Cognac stand damals wie heute nicht auf der Dopingliste. Zwei Gläschen schenkt Trainer Dettmar Cramer dem 20 Jahre jungen und furchtbar nervösen Karl-Heinz Rummenigge zur Beruhigung ein. Wieder ist der Gegner klar besser, aber wieder gelingt Franz Roth das entscheidende Tor, während Saint-Etiennes Jacques Santini den Pfosten und Dominique Bathenay die Latte des Münchner Tores treffen.

Sechs Jahre lang müssen die Bayern auf ihre nächste Finalchance warten, sie bietet sich 1982 in Rotterdam gegen Aston Villa, und diesmal läuft alles anders. Die Münchner spielen 90 Minuten lang auf ein Tor, aber Aston Villas früh eingewechselter Ersatztorhüter Nigel Spink macht das Spiel seines Lebens. Die Engländer haben genau eine Chance, Peter White nutzt sie in der 67. Minute zum Siegtor. Kurz vor Schluss trifft Dieter Hoeneß, aber diesmal ist der Schiedsrichter nicht mit den Bayern und entscheidet auf Abseits. Später fliegen Stühle durch die Münchner Kabine, so angespannt ist die Stimmung beim Überraschungsverlierer. Ähnlich hart kommt es 1987 in Wien, als die Münchner nach Ludwig „Wiggerl“ Kögls Führungstor einem scheinbar sicheren Sieg gegen den FC Porto entgegen spielen. Zwölf Minuten vor Schluss gelingt Portos Algerier Rabah Madjer eines der berühmtesten Tore der Europapokal-Geschichte. Mit der Hacke kickt er den Ball zum 1:1 ins Netz. Zwei Minuten später gibt er auch noch die Vorlage zum Siegtor durch den Brasilianer Juary.

Wirkliche Tragik aber lernt erst die nächste Finalgeneration kennen, 1999 in Barcelona. Der Gegner Manchester United steht mit seiner jungen Mannschaft erst am Anfang einer Ära und hat den souveränen Bayern zunächst wenig entgegenzusetzen. Nach Mario Baslers schnellem Führungstor trifft Mehmet Scholl den Pfosten, Carsten Jancker die Latte, und als Basler kurz vor Schluss ausgewechselt wird, werden gerade die Champagnerkübel an die Münchner Bank gekarrt. Noch aber gibt es drei Minuten Nachspielzeit, es werden die folgenreichsten der Champions-League-Geschichte. Erst schießt Teddy Sheringham das 1:1, und als sich die konsternierten Bayern gerade auf die Verlängerung einrichten, legt der Norweger Ole-Gunnar Solskjaer noch das Siegtor nach. 138 Sekunden liegen zwischen beiden Treffern, sie stürzen die Bayern kurzzeitig in eine tiefe Depression, aber viel wichtiger ist ein nachhaltiger Effekt: Durch den Sekundentod von Barcelona gewinnen die bis dahin als Schnösel verschrienen Münchner in der Öffentlichkeit ungeahnte Sympathien.

Zwei Jahre später begründet Oliver Kahn im San Siro zu Mailand seinen Mythos als Torhüter-Titan. Das Finale gegen den FC Valencia ist ein Spiel mit reichlich Elfmetern. Den ersten verwandelt Gaizka Mendieta schon nach drei Minuten zu Valencias Führung, den zweiten verschießt kurz darauf Mehmet Scholl, den dritten verwandelt Stefan Effenberg zum Ausgleich. Viel mehr passiert nicht in den 120 Minuten, also müssen zur Entscheidung nochmals Elfmeter herhalten, insgesamt 14. Kahn, alles andere als ein Elfmeter-Spezialist, pariert dreimal. Sein spanischer Kollege Santiago Cañizares weint in der Nacht von Mailand wie ein kleines Kind, was ihm seine stolzen Landsleute bis heute nicht verziehen haben.

Im Mai 2010 verspielen die Bayern ihre bislang letzte Finalchance, als sie in Madrid am von José Mourinho angerührten Beton von Inter Mailand scheitern. Der Argentinier Diego Milito schießt beide Tore zum 2:0-Sieg der Italiener, bei denen keine Italiener spielen und deren portugiesischer Trainer Mourinho sich im Augenblick des Triumphes dorthin verabschiedet, wo er gerade triumphiert hat, nämlich nach Madrid. Es ist die Pointe für den diesjährigen Münchner Finaleinzug, dass er im Estadio Santiago Bernabeu gefeiert wurde, gegen das Real des José Mourinho.

Der Sieg im Elfmeterschießen von Madrid beschert den Bayern die Chance, als erste Mannschaft im heimischen Stadion die Champions League zu gewinnen. Es ist das dritte Finale in München, aber das erste in der neuen WM-Arena in Fröttmaning. Im Falle des fünften Titelgewinns würde der FC Bayern rund neun Millionen Euro Siegprämie erhalten. Für eine Niederlage gäbe es „nur“ 5,6 Millionen.

Und was nun die Revanche für das erste Münchner Finale von 1974 betrifft: Hans-Georg Schwarzenbeck, der späte Torschütze von Brüssel, traf also vor zehn Jahren auf Miguel Reina, den glücklosen Torhüter von Atletico Madrid. Die spanische Sportzeitung "Marca" hatte das Treffen organisiert und zur Revanche für 1974 ausgerufen. Katsche Schwarzenbeck machte das Spielchen mit, er schoss in Straßenschuhen und Miguel Reina …. parierte ohne Mühe.

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