Sport : Energie Cottbus: Kurzer Ausflug in die Ewigkeit

Benedikt Voigt

Eine Stunde nach Spielschluss setzte sich Dieter Krein über die Grenzen der Zeit hinweg. Der Präsident des Fußball-Bundesligisten Energie Cottbus erklärte im Presseraum des Stadion der Freundschaft: "Jetzt sind wir schon auf Platz 47 der ewigen Bundesligatabelle." Das Publikum staunte, denn so ein Ausflug in die Ewigkeit mutet für einen Fußball-Präsidenten seltsam an. Schließlich währt die Ewigkeit in diesem Sport nur kurz.

Das nächste Tor kann im Fußball schon wieder alles ändern. Wenn zum Beispiel dem Ungarn Janos Matyus vier Minuten vor Spielschluss der Ball glücklich vor die Füße fällt und er den 2:1-Siegtreffer für Energie Cottbus gegen den VfB Stuttgart schießt, bedeutet das statt eines Abstiegsplatzes Rang 13 für die Cottbuser - in der aktuellen Tabelle. "Wir haben einen berühmten Gegner hinter uns gelassen", freute sich Krein. Stuttgart war ja der Gegner im verlorenen Pokalfinale von 1997, als Cottbus noch in der Regionalliga kickte. Solch historische Dimensionen verliert der Präsident nur ungern aus den Augen. Vielleicht sagte er auch deshalb im Presseraum: "Ich wäre froh, wenn Steffen Heidrich wieder gebraucht würde." Zufällig drückte sich in diesem Moment Trainer Eduard Geyer durch den Journalisten-Pulk um Krein. Der ungläubige Blick, den der Fußball-Lehrer seinem Vorgesetzten zuwarf, besagte nichts Gutes für Heidrich.

Im Fußball kann auch die nächste Saison alles ändern. Steffen Heidrich war in 21 Zweitligaspielen daran beteiligt, dass Energie Cottbus überraschend den Aufstieg in die Erste Liga schaffte. Aus Dankbarkeit gab der Verein dem 33-Jährigen in der Sommerpause einen Zweijahresvertrag. "Wir wollten solche Leistungsträger halten", erklärt Krein, "doch jetzt ist die Situation durch Zugänge eine andere." Einen Kurzeinsatz bekam der Mittelfeldspieler noch, dann machte Heidrich mit dem Sitzplatz auf der Haupttribüne Bekanntschaft. Weil Heidrich seinen Unmut wiederholt öffentlich äußerte, ist auch das Verhältnis zum Trainer abgekühlt. Krein, der Gutmensch, der gerne die familiäre Atmosphäre in Cottbus hervorhebt, muss bei der Personalpolitik den Gesetzen des Profifussballs Tribut zollen. "Für so einen blauäugig aufgestiegenen Verein bleibt keine Zeit zum Experimentieren", sieht Krein ein. "Wir haben das umzusetzen, was der Trainer als erfolgreich prognostiziert."

In Cottbus tritt der Erstligafußball nun in die nächste Phase. Sportlich ist die Wettbewerbsfähigkeit nach drei Heimsiegen in Serie sichergestellt, nun muss der Kader an die Erste Liga angeglichen werden. "Mit 30 Mann ist der ein oder andere zu viel", sagt Krein. Der Rückkehrer Toralf Konetzke zum Beispiel, der in dieser Spielzeit noch keinen Bundesligarasen betreten hat. Oder der Kanadier Kevin McKenna, der sich beim ersten Spiel in Bremen aus dem Team säbelte. West Ham United zeigt Interesse an dem 20-Jährigen, um die Ablösesumme wird noch gefeilscht. Den Ungarn Ferenc Horvarth hat der Klub bereits vor zwei Wochen an Maccabi Tel Aviv weiterverkauft.

Der Ausmusterung folgt die sinnvolle Ergänzung. "Wir müssen auch einmal Leute wie Silvio Meißner, Heiko Gerber oder Sebastian Deisler holen können." Bei letzterem orientiert sich der Vereinschef wohl noch ein wenig zu weit nach oben. Ansonsten aber ist bei Energie Cottbus der Wille zu erkennen, zukünftig den Kader nicht nur mit unbekannteren Namen wie Reghecampf oder Hujdurovic anzureichern. Marc Ziegler zum Beispiel, der ehemalige Torhüter des VfB Stuttgart, sollte Tomislav Piplica Konkurrenz machen. Doch Cottbus konnte sich nicht mit Bursaspor über eine Ablösesumme einigen. Energie wollte 150 000 Mark Ablöse zahlen, die Türken verlangten 200 000 Mark mehr. Auch am rumänischen Angreifer Florin Raducioiu zeigt Cottbus Interesse. Zuletzt hat der Verein den ehemaligen Stuttgarter bei Dynamo Bukarest beobachten lassen, doch er spielte nur eine Halbzeit. Geyer hält sich bedeckt: "Ich weiß nicht, ob er zu uns passt".

Es gibt nämlich noch ein erhebliches Problem mit dem Rumänen. "Die Verhandlungen mit seiner Frau gehen hin und her", sagt Geyer, "ich weiß manchmal gar nicht, wer hier Fußball spielt." Und weil der 56-jährige Übungsleiter gerade am Reden war, gab der Trainer noch ein paar seiner Ansichten über Frauen zum Besten. Die da lauten: "Frauen müssen ihre Männer unterstützen" oder "Ihr Frauen habt den Mann ja in die Ecke gedrängt". Damit hatte Geyer nach Spielschluss auch eine Zeitgrenze überschritten. Ins Gestern.

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