Sport : Energie Cottbus: Oben im Osten

Benedikt Voigt

Auf dem Cottbuser Stadtring erklärt André Lenz seine Einstellung zum Leben. "Wenn ich jetzt über den Randstein fahre", sagt der Torwart des Bundesligisten Energie Cottbus und lenkt ein bisschen nach rechts. Kurz scheint es, als wolle er seinen Audi TT tatsächlich über die Gehwegkante setzen, doch dann fährt er fort: "Warum sollte ich mich dann darüber aufregen - es ändert ja nichts mehr." Er kann diese Philosophie auch kürzer erklären, der André Lenz, auf Kölsch: "Et kütt, wie et kütt." Es kommt, wie es kommt.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de So kam es zum Beispiel, dass es ihn von Alemannia Aachen, dem westlichsten Profifußball-Verein Deutschlands, zum östlichsten Klub verschlug. "Ich wollte in der Ersten Bundesliga spielen", begründet Lenz seinen Schritt. Was nur logisch klingt, ist zwölf Jahre nach der Wende immer noch etwas Außergewöhnliches. Der 27-jährige gebürtige Mühlheimer ist nach Willi Kronhardt, Edmund Rottler, Dirk Lehmann und Daniel Eschbach erst der fünfte Westdeutsche, der in ein Cottbuser Trikot schlüpft.

Trabant, Mauer und Stasi

Im vergangenen Jahr wollte überhaupt kein Deutscher aus den alten Bundesländern für Trainer Eduard Geyer spielen. "Da spielen unsere geographische Lage und eine Menge Vorurteile eine Rolle", sagt der Cottbuser Pressesprecher Ronny Gersch. Am drastischsten drückte es der Bremer Stürmer Rade Bogdanovic aus, den Cottbus im vergangenen Jahr verpflichten wollte. Der Jugoslawe lehnte mit den Worten ab: "Warum soll ich einen Mercedes mit einem Trabant tauschen?"

André Lenz muss keinen Trabant fahren, und hat auch sonst kein Verständnis für solche Vorurteile. "Man hört immer nur Osten, Osten, das ist die Mauer oder Stasi - aber das sagt man aus Unwissenheit." Man müsse sich nur die Gegend einmal anschauen. Als er das Angebot bekam, hat er mit seiner Lebensgefährtin Cottbus besucht. Fast gerät der Optimist ins Schwärmen, wenn er über seine neue Heimat redet: "Das ist eine wunderschöne Gegend, hier gibt es den Spreewald, hier ist Lebensqualität." Nach seiner Stippvisite im April unterschrieb er nach vier Jahren bei Alemannia Aachen einen Zweijahresvertrag in Cottbus. "Er ist ein sehr offener Mensch", hat Ronny Gersch festgestellt.

Dabei ist der Trend in der Stadt genau gegenläufig. "Go West", heißt es zur Zeit in Cottbus wie in fast allen ostdeutschen Regionen. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit von 17,5 Prozent ziehen viele Menschen in die alten Bundesländer. "Ich kann das verstehen", sagt Lenz, "die Leute wollen sich weiterentwickeln - genau so wie ich mich hier weiterentwickeln kann."

Doch ganz so weit ist es noch nicht. Im heutigen ersten Saisonspiel gegen den Hamburger SV wird Tomislav Piplica das Cottbuser Tor hüten. Das war eine seiner ersten Enttäuschungen im Osten. "Es wurde gesagt, es wird einen gesunden Zweikampf zwischen uns geben, doch nach nur einer Woche Trainingslager sagte der Trainer: Piplica ist die Nummer eins." Lenz denkt, ein gesunder Zweikampf müsse bis kurz vor Saisonbeginn gehen. Aber bevor er sich ärgert, kommt wieder die Sache mit dem Randstein. Das positive Denken. "Piplica hat mehr Erfahrung, das sehe ich ein." Das positive Denken hat erst ein Ende, wenn eine örtliche Zeitung spekuliert, wer denn die Nummer zwei sei? "Das ist doch keine Frage", protestiert Lenz. Der Pressesprecher berichtet, dass Mannschaftskamerad Christian Beeck glaube, dass sich Lenz auf Dauer durchsetzen werde. "Er trainiert sehr fleißig."

654 Kilometer trennen nun den Mann aus dem Ruhrgebiet mit der rheinländischen Mentalität von seinen Freunden in Aachen. "Mal fliegt die Freundin runter, auf der anderen Seite sind die auch herzlich eingeladen, hier hoch zu kommen." Oben, unten, das sagt er schon die ganze Zeit. Für ihn liegt Cottbus geographisch gesehen irgendwie oben. "Es gibt doch diese Zeile aus dem Grönemeyer-Lied: Tief im Westen", versucht er zu erklären. Wenn man das so sieht, hat André Lenz nun den höchsten Punkt in der Bundesliga erreicht. Oben im Osten.

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