Energie Cottbus vor dem Abstieg? : Vision: Überleben

Energie Cottbus stand einst für Effizienz, dann für Talente – mittlerweile regiert die Angst vor dem Abstieg in Liga drei. Auch das Spiel am Sonntag gegen Paderborn ging verloren, Cottbus bleibt Letzter.

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Lausige Zeiten in der Lausitz.
Lausige Zeiten in der Lausitz.Foto: Imago

Mitte Oktober gastierte der 1. FC Union bei Energie Cottbus. Das Duell der geografischen Nachbarn war gleichzeitig auch ein Kräftemessen zweier in der Tabelle nah beieinander stehender Mannschaften. Der Sieger würde den Anschluss an die Aufstiegsplätze halten. Die Zuschauer versprachen sich viel vom Aufeinandertreffen der torgefährlichsten Mannschaften der Zweiten Liga, doch das Spiel wurde: eine Enttäuschung. 0:0 heiß es am Ende, vor allem die Fans des FC Energie gingen missmutig nach Hause. Für ein Heimspiel hatte ihr Team nicht genug investiert. Dieses Gefühl der Frustration sollte sich in den kommenden Wochen verstärken. Cottbus gewann kein einziges Spiel mehr.

In der abschließenden Hinrunden-Begegnung am Sonntag beim SC Paderborn ging es für die Brandenburger darum, nicht völlig den Anschluss zu verlieren. Doch Energie verlor mit 0:1 und bleibt, Tabellenletzter. Der Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz beträgt weiterhin acht Punkte. „Wir befinden uns in einer der schwierigsten Situationen, seit ich hier bin“, sagt Energies Präsident Ulrich Lepsch. Lepsch ist seit 2006 im Amt. „Für uns geht es in der Rückrunde einzig und allein um den Klassenerhalt.“ Worte, die vertraut klingen und doch surreal daherkommen. Lepsch hat sie in der Vergangenheit oft benutzt, aber das war in einem anderen Zusammenhang. Von 2000 bis 2003 und noch einmal zwischen 2006 und 2009 spielte sein Klub in der Bundesliga und es erschien nur logisch, dass es kein anderes Ziel als den Klassenerhalt geben konnte.

Nur selten in der Geschichte der Bundesliga ging ein Standort mit schlechteren Voraussetzungen in den Wettbewerb. Die wirtschaftlichen Bedingungen im Süden Brandenburgs sind schlecht, regionale Sponsoren gibt es kaum. Beim FC Energie machten sie das Beste draus und holten preisgünstige Fußballer aus Osteuropa, die sich den Millionären aus München, Dortmund oder Leverkusen erfolgreich in den Weg stellten. Cottbus, das war viele Jahre lang Effizienz auf höchstem Niveau.

Mit den Abstiegen hat sich die Philosophie des Klubs geändert. Seit einiger Zeit setzt man auf jüngere, deutsche Spieler, die in Kombination mit ausländischen Solisten wie Angreifer Boubacar Sanogo attraktiven Angriffsfußball aufführen sollen. Das funktionierte vor allem unter Trainer Claus-Dieter Wollitz, doch Wollitz, der gut mit jungen Spielern kann, ist seit Ende 2011 weg. Unter Nachfolger Rudi Bommer gab es keine Weiterentwicklung und so holte man mit dem ehemaligen Hertha-Spieler Stephan Schmidt einen jungen Trainer, der nach eigener Auffassung für modernen Offensivfußball steht. Das Projekt, das unter Wollitz begann, sollte unbedingt am Leben erhalten werden.

Nur ist die Zweite Liga in dieser Saison so ausgeglichen wie schon lange nicht mehr. Den Achten und den Vorletzten trennen nur sechs Punkte. Zwei Niederlagen – und man findet sich im Abstiegskampf wieder. Zeit für Visionen und Projekte bleibt da nicht. Es geht einzig und allein ums sportliche Überleben. Nervenstärke ist gefragt, doch gerade die ließen die Cottbusser Spieler in den vergangenen Wochen vermissen. „Wir haben eine gute Mannschaft, die ihre Qualität nicht auf den Platz bringt, weil sie nicht für den Abstiegskampf eingekauft wurde“, sagt Lepsch. Genau darin liegt das größte Problem der Cottbusser. Die Spieler sind verunsichert, weil sie noch nie eine so lange Niederlagenserie erlebt haben und kaum Erfahrung im Abstiegskampf besitzen.

Für Stephan Schmidt keine einfache Situation. Bisher konnte Schmidt seine Vorstellungen nicht auf die Mannschaft übertragen, Cottbus verlor unter dem neuen Trainer alle fünf Begegnungen. Trotzdem spricht Lepsch seinem Wunschkandidaten das Vertrauen aus. Gerüchten, es könnte bald wieder ein Trainerwechsel anstehen, widerspricht Lepsch. „Wir werden mit Stephan Schmidt in die Rückserie gehen, das ist sicher.“ Schmidt zur Seite stehen wird in Zukunft der ehemalige Nationalspieler Jörg Böhme, der am Sonnabend als neuer Co-Trainer verpflichtet wurde. Neben dem Trainerstab soll auch die Mannschaft verstärkt werden, Lepsch kündigt für die Winterpause Neuzugänge an. „Wir werden die Mannschaft ein Stück weit verändern.“ Namen nannte Lepsch nicht, deutete aber an, dass man Spieler wie Steffen Bohl nach Cottbus holen möchte. Der bekam vor wenigen Wochen einen Vertrag. Bohl ist 29 Jahre alt und hat in seiner Karriere in Kaiserslautern, Wiesbaden und Braunschweig Erfahrungen im Abstiegskampf gesammelt. Bohl ist nicht unbedingt jemand, den man holt, wenn eine Idee fortgeführt werden soll. Sehr wohl aber, wenn es ums Überleben geht.

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