Sport : Eng am Berg

Der Italiener Simoni gewinnt die 14. Etappe der Tour – die Spitzenfahrer rücken nach Winokurows Attacke noch dichter zusammen

Hartmut Scherzer

Loudenvielle. Gilberto Simoni hatte im Ziel von Loudenvielle lang und ausgiebig gejubelt. Doch schien sich schon wenige Sekunden später noch kaum jemand für den Triumph des Italieners bei der 14. Etappe der Tour de France zu interessieren. Denn der eigentliche Sieger bei der zweiten Pyrenäenetappe der Tour kam aus Kasachstan. Alexander Winokurow kam wenige Sekunden nach Simoni als sechster Fahrer ins Ziel in Loudenvielle. Mit 43 Sekunden vor Lance Armstrong und Jan Ullrich. Der Kasache war nur knapp am Gelben Trikot vorbeigefahren, das weiterhin Armstrong trägt, mit 15 Sekunden Vorsprung vor Ullrich, nur drei Sekunden dahinter rangiert Winokurow.

Beim letzten Anstieg des Sonntags auf den Col de Peyresourde hatte der Amerikaner Armstrong das Gelbe Trikot mit über einer Minute Rückstand schon an Winokurow verloren, ehe er es im Windschatten Ullrichs kurz vor dem Pass und dann auf der Abfahrt doch noch rettete. „Es war schon sehr komisch heute, wie Armstrong das Gelbe Trikot aufs Spiel setzte und nur bei Jan am Hinterrad blieb“, wunderte sich Bianchi-Teamchef Rudy Pevenage. Auf Winokurows Angriff hatte der Amerikaner nicht reagiert, sondern sich ganz auf Ullrich konzentriert. Mittlerweile sieht es so aus, als würde der souveräne und selbstsichere Jan Ullrich das Peloton und dessen Boss kontrollieren – und nicht umgekehrt.

Armstrong aber gibt sich äußerlich gelassen. „Wer sagt, ich bin nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit, dem widerspreche ich nicht. Und wenn ich die Tour verlieren sollte, werde ich nicht heulen, sondern nach Hause gehen, ein kaltes Bier trinken und nächstes Jahr wiederkommen.“ Armstrong sagte, er fühle sich jetzt nach der Schwäche in der Hitze besser und kündigte an, Ullrich heute bei der schweren Etappe mit dem Tourmalet, dem höchsten Berg in den Pyrenäen bei der Tour, anzugreifen. „Aber wenn wir beide im Ziel in Luz-Ardiden zusammen ankommen, wird das Zeitfahren am Sonnabend entscheiden.“

Seinen zweiten Widersacher scheint Armstrong noch übersehen zu wollen. Die Chance, ins Gelbe Trikot zu fahren, habe Winokurow „unheimliche Moral“ gegeben, sagte Olaf Ludwig, Sprecher vom Team Telekom. „Wenn es Alexander packt, dann greift er eben an. Dahinter steckt keine Taktik“ sagte Ludwig. „Und wenn er am Montag wieder derart gut in Form ist, wird er wieder angreifen.“

Ein Angriff auf das Gelbe Trikot ist allerdings wohl auch am Montag ein interessantes Thema für Jan Ullrich. Gestern hatte sein Team Bianchi sich so stark wie selten zuvor auf dieser Tour präsentiert. Der Anstieg auf den fünften Berg, den Col du Portillon, führte über 14 Kilometer durch Spanien. Das Trio Felix Garcia Casas, Aitor Garmendia und David Plaza führte seinen deutschen Kapitän Jan Ullrich an der Spitze des Feldes den Berg hinauf und über den Pass. Freilich lagen die vier Bianchi-Fahrer da noch fast acht Minuten hinter dem prominenten, aber nicht bedrohlichen Trio Richard Virenque, Laurent Dufaux und Gilberto Simoni. Die drei Bergspezialisten waren die Vorhut einer 17 Mann starken Ausreißergruppe, die zeitweise sogar eine Viertelstunde Vorsprung herausgefahren hatte. Der Armstrong-Gehilfe Manuel Beltran gehörte dazu, der Spanier war vorübergehend sogar Erster im Gesamtklassement der Tour.

Der letzte und wichtigste Anstieg des Tages erfolgte am Col de Peyresourde. Das 13 Kilometer lange eigentliche Finale vor der knapp zwölf Kilometer langen Abfahrt zum Ziel: Iban Mayo attackierte schon am Fuß des Berges, Winokurow schloss sich an, übernahm die Führung und fuhr zu seinem Teamgefährten Nardello auf. Ullrich und Armstrong reagierten nicht. Der Deutsche trat gleichmäßig sein Tempo und seinen Rhythmus – Armstrong, Zubeldia und Basso blieben an seinem Hinterrad.

Als sich Winokurow dann durch die von vielen Zuschauern an der Strecke doch ziemlich enge Gasse auf den Gipfel des letzten Berges der Etappe hochgekämpft hatte, lag er im Gesamtklassement sogar vor Armstrong. Doch auf der Abfahrt zum Ziel verlor der Kasache dann doch noch ein paar Sekunden – Armstrong hatte Glück gehabt. Obwohl das der Amerikaner natürlich nicht so sehen wollte. „Am Montag ist ein wichtiger Tag bei der Tour“, sagte Armstrong. „Und der ist wichtiger als die Etappe vom Sonntag.“

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