Sport : England - Deutschland: Mit Becker im Bus (Glosse)

Sven Goldmann

Thomas Häßler sitzt auf der Bank, Sebastian Deisler spielt zum ersten Mal von Anfang an, im Angriff darf diesmal Carsten Jancker, und Lothar Matthäus ist immer noch dabei. Wissen wir alles, seitdem der Teamchef sein Versteckspiel aufgegeben und einen Tag vor dem Spiel gegen England verraten hat, wen er denn heute auf den Rasen lässt. Keine Fragen mehr? Doch, eine hätten wir schon noch, aber wir sind uns nicht ganz sicher, ob der Herr Ribbeck sie beantworten kann: Wird Boris Becker wieder im Mannschaftsbus sitzen?

Wie lange ist es eigentlich her, dass Becker seine Freunde (das waren damals mehr als heute) hat wissen lassen, er habe genug vom Tennis und wolle sich jetzt mehr um die Familie kümmern? Ein, zwei, drei Jahre? Egal - seitdem vergeht jedenfalls kein Monat, in dem er nicht irgendein neues Projekt anfasst. Mal Teamchef des Daviscupteams, Namenspatron eines Junior-Teams, wechselweise Ratgeber von Nicolas Kiefer und Thomas Haas - all das versehen mit bemerkenswertem Misserfolg. Seine Energie für das Projekt Familie hat sich darin erschöpft, Frau Becker mit einem zweiten Kind zu beglücken.

Jetzt also Fußball. Als Aufsichtsrat des FC Bayern wurde Becker an dem Tag vorgestellt, als die Münchner in Madrid das Champions-League-Halbfinale vergeigten, und am Montag hat er die Nationalmannschaft eingestimmt auf ihr schlechtestes EM-Spiel seit ... ja, seit wann eigentlich? "Boris bleibt am Ball, aber die Bälle werden immer größer", hat Nicolas Kiefer gesagt, als Becker am Montag im deutschen Mannschaftsbus gesichtet wurde. Ein gewisses Maß an Häme war nicht zu überhören.

Zurück zum Bus. Mit wem und über was wird er da wohl geplaudert haben? Mit Lothar Matthäus über das ausgefüllte Leben eines Weltstars im Ruhestand? Mit Erich Ribbeck über das Scheitern als Teamchef? Mit Oliver Bierhoff über todsichere Varianten, den Ball ins Netz zu jagen? Frage reiht sich an Frage, und aus Berlin kommt eine bescheidene Bitte hinzu: Lieber Herr Becker, wenn Sie denn heute Abend schon unbedingt mit nach Charleroi fahren müssen: Setzen Sie sich bitte nicht neben Sebastian Deisler.

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