England : Retro verliert

Aston Villas Fußball der alten britischen Schule unterliegt im Verfolgerduell der englischen Premier League beim FC Arsenal 0:3.

Raphael Honigstein[London]
89131276 Foto: AFP
Hohe Schule? Arsenals Sagna und Villas Stewart Downing im rustikalen Kampf um den Ball.Foto: AFP

Arsène Wenger hatte seinen ganz eigenen Weihnachtswunsch, auch wenn er am Sonntagmorgen ein paar Tage zu spät damit kam. „Man sollte Einwürfe abschaffen“, forderte der Arsenal-Trainer vor dem Verfolgerduell in der englischen Premier League gegen Aston Villa. Mannschaften wie Stoke City mit dem Spezialisten und früheren Speerwerfer Rory Delap hätten einen unfairen und zudem fachfremden Vorteil, glaubt der Franzose: „Sie machen sich eine Stärke zunutze, die sonst gar nicht zu den Stärken im Fußball gehört.“ Wenger schlug vor, Einwürfe durch „kick-ins“ zu ersetzen, das würde das Spiel auch schneller machen.

Der Zeitpunkt von Wengers Äußerung war sicher nicht ganz zufällig gewählt. Der Franzose, der nach Misserfolgen seiner Mannschaft die Debatte gerne auf die metaphysische Ebene verlegt, wusste, dass Villa seinem Techniker-Ensemble am Sonntag viele Flanken und lange Bälle entgegensetzen würde. Zwar nicht als unfair, aber doch als äußerst unschön wertet der Purist diese urbritische Strategie. Villa-Trainer Martin O’Neill verfolgt im vierten Jahr im Amt ein klares Ziel: Der Nordire will das Kartell der „Großen Vier“ (Arsenal, Chelsea, Manchester United, Liverpool) sprengen, in dem er die Uhr zurück dreht. Mit den Millionen des amerikanischen Kreditkartenmilliardärs Randy Lerner hat der 57-Jährige ein vorwiegend englisches und kampfstarkes Team zusammengestellt, das prä-globalisierten Insel-Fußball auf den Rasen bringt. Chelseas Trainer Carlo Ancelotti wunderte sich nach der 1:2-Niederlage in Birmingham über Villas „unglaubliche Intensität“; Liverpool und United verloren ebenfalls gegen O’Neills Retrokicker.

Besonders Lerner erfreut sich als Eigentümer alter Schule größter Beliebtheit. Der New Yorker, der sich selbst als „enthusiastischen Amateur“ bezeichnet, überlässt O’Neill die alleinige Verantwortung – und er erweist auch der Historie Respekt. Lerner hat den heruntergekommenen Holte Pub, die vereinseigene historische Fangaststätte neben dem Villa Park, für vier Millionen Pfund renoviert; die unter dem knauserigen Vorbesitzer Doug Ellis stiefmütterlich behandelten Helden der Achtziger (Villa gewann 1982 gegen den FC Bayern den Europapokal) werden nun öffentlich hofiert. „Die Villa-Fans küssen den Boden unter Lerners Füßen“, sagt Dave Woodhall, der Verleger des Fanzines „Heroes & Villains“.

Um solche Liebe zu erfahren, müsste O’Neill nur endlich den Sprung in die Champions League schaffen. Bei Arsenal offenbarte sein Team gestern neben seinem Potenzial auch deutlich seine Schwächen. Villas Spiel ist körperlich unheimlich aufwendig, es fehlt die Ballkontrolle im Mittelfeld. Das war in der vergangenen Rückrunde das Problem – und auch nach dem Seitenwechsel am Sonntag, als Arsenal seine Passkombinationen mit viel mehr Entschlossenheit ausspielte. Trotzdem drohte für Wengers Team ein frustrierender Nachmittag, bis der kurz zuvor eingewechselte Cesc Fabregas nach einer guten Stunde einen Freistoß ins Eck schlenzte. Den auf Konter eingestellten Gästen ging in der Aufholjagd schnell die Ordnung verloren und Fabregas schlug bei einem Konter ein zweites Mal zu.

Zwei Minuten später musste der 22-Jährige wieder verletzt vom Platz, doch sein Kurzauftritt hatte sich gelohnt. Abou Diaby erzielte in der Nachspielzeit mit einem Solo sogar noch das 3:0. Arsenal hat nun nur noch vier Punkte Rückstand auf Tabellenführer Chelsea – bei einem Spiel weniger. Auch Villa kann sich als Vierter noch Hoffnungen auf den ersehnten Champions-League-Platz machen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar