Sport : „England sehnt sich nach Deutschland“

Thomas Hitzlsperger über das Spiel der Spiele

Thomas Hitzlsperger, 28,
Thomas Hitzlsperger, 28,Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Thomas Hitzlsperger, Sie wechseln zu West Ham United – ins Feindesland! Schämen Sie sich gar nicht?

Nein, wie käme ich dazu? Ich mag die Engländer und den Fußball auf der Insel. Ich war schon mal für einige Jahre dort, als ich für Aston Villa spielte, das war eine wunderbare Zeit.

Liest man die Schlagzeilen der englischen Boulevardpresse, könnte man aber glauben, dass sich im Achtelfinale zwei Armeen gegenüberstehen.

Ach, das sind die typischen Reflexe, die einsetzen, wenn England auf Deutschland trifft. Davon kann niemand wirklich überrascht sein. Zumal die einschlägigen deutschen Zeitungen den englischen in nichts nachstehen. Gleichwohl ist diese Kriegsrhetorik natürlich Geschmacksache.

Ist das Satire oder bitterer Ernst?

Fest steht: Es wird kein Freundschaftsspiel. Und die Vorfreude ist auch deshalb groß, weil alle hoffen, dass es endlich mal ein großes Spiel wird – so viele haben wir davon bei dieser WM ja noch nicht gesehen.

Gern wird von „deutschen Panzern“ gesprochen. Das Klischee vom Kraftfußball greift aber nicht mehr. Nennen die Engländer Mesut Özil jetzt „Panzerchen“?

Die aufmerksamen Journalisten wissen sehr wohl, wie gut die Deutschen gegen Australien gespielt haben. Ich stelle fest, dass schon lange vor diesem Achtelfinale eine gewisse Sehnsucht in der Luft lag. Ja: England sehnt sich nach Deutschland. Und andersherum ist es wohl ähnlich.

Nach einem dürften sich die Engländer jedoch nicht sehnen …

… nach dem Elfmeterschießen! Schon klar. Davor haben sie Angst.

Sind die Deutschen da wirklich stärker?

Ja, stärker als alle anderen. Das hat die Vergangenheit gezeigt und findet jetzt hoffentlich seine Fortsetzung.

Im deutschen Fernsehen laufen die verschossenen Elfer von Pearce und Waddle in Dauerschleife. Was zeigt England?

Jetzt gilt es, die Stärken herauszufiltern. Man sieht jetzt oft die Bilder vom 5:1-Sieg 2001 in München.

Wird es zum Shoot-out kommen? Oder sehen Sie ein Team so viel besser, dass es in der regulären Spielzeit siegen wird?

Ich halte die Deutschen für etwas stärker. Dennoch würde ich mich nicht zu einer Prognose hinreißen lassen. In diesem Spiel kommen so viele Faktoren hinzu: die Emotionen, der Druck, die historische Dimension – allein die Engländer warten ja seit 44 Jahren auf einen Titel. Das kann Kräfte freisetzen, aber auch die Beine lähmen.

Viele nörgeln über die defensive WM. Schnalzen Sie als Experte mit der Zunge angesichts der taktischen Finessen?

Ich würde mich schon über attraktivere Spiele freuen, aber will man etwa der Schweiz einen Vorwurf machen, dass sie gegen Spanien Konterfußball spielt? Man darf von niemandem erwarten, dass er ins offene Messer rennt. Dennoch ist die WM für den taktischen Laien nicht gerade ein Fest.

Sind wir von der Werbung verzogen, die so tut, als sei Fußball immer spektakulär?

Ja, und sie wird in Zukunft noch mehr übertreiben. Da ist die Fallhöhe zur Realität natürlich umso größer. Die Stürmer sind tatsächlich schneller geworden, aber eben auch die Verteidiger. Sie neutralisieren sich auf extrem hohem Niveau. Heraus kommt eine Pattsituation, die von den Fans eher als langweilig empfunden wird.

Sehen wir am Sonntag ein schönes Spiel?

Wir sollten mit Vorfreude in die Partie gehen. Aber wie gesagt: Für beide steht viel auf dem Spiel, das kann auch zu einer abwartenden Haltung führen. Aber so oder so: Es wird spannend!

Wie viele Herzen schlagen in Ihrer Brust?

Ich mag die Engländer und wie sie Fußball leben. Aber ich habe selbst über 50 Mal für Deutschland gespielt und werde auf jeden Fall meinen Kollegen die Daumen drücken.

Werden Sie – wie Jürgen Klinsmann – eine SMS nach Südafrika schicken?

Ja, das werde ich. Ich wünsche ihnen viel Glück. Und persönlich freue ich mich auf den Start in West Ham.

Und dort schwingen Sie sich dann sofort zum Elfmeterschützen auf.

Wenn England wieder im Elfmeterschießen scheitert, werde ich einer der Schützen sein. Daran führt kein Weg vorbei!

Das Gespräch führte Dirk Gieselmann. Ein großes Interview mit Thomas Hitzlsperger finden Sie im neuen 11 Freunde-Magazin – jetzt im Handel.

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