England vor dem Viertelfinale : Schmutzig ist auch schön

Englands Frauen zählen vor dem Spiel gegen Frankreich zum erweiterten Favoritenkreis der WM – einzig Stürmerin Kelly Smith ist unzufrieden

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Sprunghaft. Englands Stürmerin Kelly Smith (l.), hier im Duell Foto: AFP
Sprunghaft. Englands Stürmerin Kelly Smith (l.), hier im DuellFoto: AFP

Jill Scott ist von langer und sehniger Statur und geht damit gut durch als Peter Crouch der englischen Frauen-Nationalmannschaft. Sie kann auch genauso aufregende Tore erzielen wie ihr männliches Pendant von Tottenham Hotspur. Wahrscheinlich liegt es an der Mittelfeldspielerin vom FC Everton, dass England überhaupt noch dabei ist bei dieser Frauenfußball-Weltmeisterschaft und mittlerweile sogar zum erweiterten Favoritenkreis zählt. Im zweiten Vorrundenspiel gegen Neuseeland sah es lange Zeit nach einer Blamage aus, bis schließlich das englischste aller Tore noch den Ausgleich brachte. Jill Scott erzielte ihn mit einem Kopfball, so hätte es auch Peter Crouch getan, scheinbar stehend in der Luft, ehrfürchtig bestaunt von ein paar Neuseeländerinnen am Boden.

Am Ende gewannen die Engländerinnen noch 2:1, und das inspirierte sie zu einem großartigen Spiel gegen den Geheimfavoriten Japan. Jill Scott spricht vom „besten Länderspiel, seitdem ich dabei bin“, und das sind immerhin auch schon fünf Jahre. Am Samstag in Leverkusen geht es nun im Viertelfinale gegen Frankreich (18 Uhr, live im ZDF), den alten Lieblingsfeind auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Frankreichs Kurve geht nach dem 2:4 gegen Deutschland nach unten, die englische deutlich nach oben, sodass nicht nur Jill Scott offen davon spricht, „dass wir alle das Halbfinale vor Augen haben“. So weit haben es die Engländerinnen bei einer Weltmeisterschaft noch nie geschafft. Und sie wollen mehr.

Diesem Ziel wird alles untergeordnet, zur Not auch die Schönheit des Spiels. „Manchmal musst du auch schmutzig gewinnen“, hat Hope Powell nach dem 2:0-Sieg über die Japanerinnen erzählt. Die englische Trainerin spricht gern und viel über die Verantwortung der Einzelnen für das Ganze. Ihr Lieblingswort teilt sie mit dem Mainzer Thomas Tuchel, es heißt: Matchplan.

„Manchmal geht der Matchplan nicht auf, aber gegen Japan ist er großartig aufgegangen“, sagt Hope Powell, und man darf wohl davon ausgehen, dass dieser Plan für das heutige Viertelfinale kaum Änderungen erfahren wird. Gegen Japan hatten sie zwar klare Defizite in Sachen Ballbesitz, aber ein deutliches Plus bei den Torchancen. Hope Powell registrierte mit großer Zufriedenheit, „dass die Spielerinnen sich die Beine aus dem Bauch gerannt haben“. Sie weiß aber auch, dass sich ein solcher Kraftaufwand nicht beliebig oft wiederholen lässt, „deswegen müssen wir uns jetzt ein bisschen erholen, damit wir wieder frisch werden“.

Und dann dürfte es noch ein Gespräch gegeben haben mit Kelly Smith. Die Weltklasse-Stürmerin von den Boston Breakers ist eigentlich für die schönen Momente im englischen Spiel zuständig. Davon aber war bei der Weltmeisterschaft bisher noch nicht viel zu sehen. Gegen Japan fiel es ihr sichtlich schwer, ihren Anteil zur Erfüllung des Planziels beizutragen. Kelly Smith stand im englischen Offensivzirkel deutlich im Schatten von Ellen White, Jill Scott und Rachel Yankey. Als sie nach gut einer Stunde ausgewechselt wurde, verzichtete sie demonstrativ auf einen Handschlag mit ihrer Trainerin. „Kelly war vor allem unzufrieden mit sich selbst“, sagt Hope Powell, aber das sei kein Problem, „sie wird das mit sich regeln, die WM ist lang“.

Dass die Weltmeisterschaft womöglich aber schon am heutigen Samstag in Leverkusen zu Ende gehen könnte, ist in der englischen Delegation nicht mal Gegenstand theoretischer Diskussionen.

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