Englands Nationalelf : Sorry, alter Junge

Coach Fabio Capello und Star-Kicker David Beckham hatten in Madrid kein gutes Verhältnis, nun müssen sie in eines haben – für die englische Fußball-Nationalmannschaft.

Julia Macher[Madrid]
Capello
Große Liebe sieht anders aus. Fabio Capello und David Beckham im Mai beim Spiel zwischen Real Madrid und La Coruna. -Foto: dpa

Es gibt einen Schnappschuss von Fabio Capello und David Beckham, der zeigt die beiden kurz nach Real Madrids spanischer Meisterschaft im Juni. Beckham, ummantelt von der englischen Flagge, strahlt und legt den Arm kumpelhaft um die Schultern seines Coachs. Fabio Capello steht steif mit krampfhaft nach oben gezogenen Mundwinkeln daneben; über Anzugshemd und Krawatte trägt er ein viel zu enges Real-Madrid-Trikot. Es ist ein Gewinner-und-Verlierer-Foto. Auf den italienischen Fußballtrainer wartete der sichere Rausschmiss, die Auflösung seines Vertrages bei Real war nur noch Formsache. Fußballstar Beckham dagegen bezog kurz darauf seine Luxusvilla in Hollywood, wo auf ihn zwar bei den Los Angeles Galaxy keine sportlichen Herausforderungen, aber lukrative Werbeverträge warteten. So nah wie auf ihrem Abschiedsfoto kamen sich Madrids Nummer 23 und sein autoritärer Trainer selten. Die Entscheidung des englischen Verbandes FA, die die beiden nun wieder zusammen führt, hat etwas Ironisches. Denn die Begegnung findet unter umgekehrten Vorzeichen statt: Ob der ehemalige Mannschaftskapitän Beckham sein hundertstes Spiel für die englische Nationalmannschaft bestreiten darf, liegt in der Macht des Italieners. Und der pflegt seit jeher ein kompliziertes Verhältnis zum Popstar des englischen Fußballs.

Fabio Capello, der sich beim AC Mailand, AS Rom und Juventus Turin mit fünf italienishen Meisterschaften einen Ruf als erfolgreicher Trainer erarbeitete, hat sich nie groß um Beckhams Startum geschert. Im Gegenteil: Als er im Sommer 2006 seine zweite Amtszeit bei Real antrat, verbannte er alle marketingstrategischen Überlegungen aus seinem Denken. Beckham, der unter Capellos Vorgängern als wichtigster Baustein von Präsident Florentino Pérez’ galaktischem Projekt Artenschutz genossen hatte, musste auf die Bank, weil Capello auf dem rechten Flügel José-Antonio Reyes ausprobieren wollte. Nur fünf Mal stand Beckham in der Hinrunde in der Startformation. Rotation sei wichtig, erklärte Capello damals, er wolle ein „frisches und schnelles Team“ haben. Wäre eine Strategie hinter Capellos Aufstellungstaktik zu erkennen gewesen, hätte sich dagegen nichts einwenden lassen. Doch die blieb hinter dem Hin- und Hergeschiebe auf den Positionen ebenso unsichtbar wie sportliche Erfolge. Die Klubleitung des neunmaligen Europapokal-Siegers beschwerte sich über sein „langweiliges Defensivspiel“, das Team in Madrid rebellierte und die Fans forderten mit wehenden weißen Taschentüchern seinen Rücktritt.

Nun ist der 61 Jahre alte Fabio Capello alles andere als ein guter Diplomat. Der Mann funktioniert wie ein Dampfkochtopf: Wird der Druck zu groß, explodiert er. Er schiebt dann den Unterkiefer vor, legt die Stirn in tiefe Falten und tut Dinge, die so gar nicht zum Image eines Maßschneider-Anzugsträger passen. Im Santiago-Bernabeu-Stadion ließ sich das während der letzten Saison häufig beobachten. Dem Publikum zeigte Capello den Stinkefinger; wer Kritik wagte, wurde aus dem Kader gestrichen; die nörglerische Presse sperrte er vom Training aus. Den heftigsten Wutanfall aber bekam David Beckham zu spüren. Nachdem Beckham im Januar nach den gescheiterten Vertragsverhandlungen mit der Klubleitung seinen Wechsel zu den Los Angeles Galaxy bekannt gegeben hatte, ließ Capello ihn 33 Tage auf der Tribüne schmoren. „Wer die Gedanken schon woanders hat, zeigt nicht mehr volle Einsatzbereitschaft“, so die Rechtfertigung. Die Begnadigung erfolgte auf Druck der Klubleitung, der Flankenmeister Beckham verhalf Real Madrid zum 30. nationalen Meistertitel. Und Fabio Capello bereute. Sekunden nach jenem Juni-Schnappschuss klopfte der Coach dem Engländer kurz auf die Schulter. „Sorry, boy“, sagte Fabio Capello zu David Beckham . Etwas mehr Englisch sollte er bis zu seinem Debüt im Februar lernen.

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