Englische Fußball : FC Portsmouth: Absturz mit versengten Flügeln

Der FC Portsmouth ist das abschreckende Beispiel des modernen Sports. Nach vier Besitzern in einem Jahr ist der Traditionsklub ruiniert.

Steve Morgan
Portsmouth
Erhobenen Hauptes in die Insolvenz. Die Fans des FC Portsmouth halten weiter zu ihrem Klub. -Foto: AFP

Vor nicht einmal zwei Jahren, es war Samstag, der 17. Mai 2008, um genau zu sein, stand ich im Wembley-Stadion. In den Augen hatte ich Freudentränen, genau wie die Leute um mich herum, die nach einem Leben beim FC Portsmouth längst zu meinen Freunden geworden waren. Wir wussten, unser Name würde in allen Sportnachrichten der Welt widerhallen, von London bis Lagos: Wir hatten den FA-Cup gewonnen, die älteste Trophäe des Fußballs. Beim letzten Mal, als wir den Pokal gestemmt hatten, schrieb man das Jahr 1939. Die Bilder kannten wir nur in Schwarz-Weiß, dieser Sieg strahlte in herrlichem Technicolor. Es war perfekt.

Aber das war damals. Jetzt wird über unseren Klub, den FC Portsmouth, erneut auf den Titelseiten berichtet. Wir trudeln abwärts, wie Ikarus mit versengten Flügeln. Fan von „Pompey“ zu sein, war immer eine Achterbahnfahrt. Heute ist es aber so, als müsse man auf ein Kleinkind aufpassen: Wenn man sich nur für einen Moment umdreht, hat es schon den Finger in der Steckdose. In den vergangenen zehn Monaten hatte der FC Portsmouth vier verschiedene Besitzer, das ist einer weniger als die Zahl der Ligaspiele, die wir in dieser Saison gewonnen haben. Unsere Schulden belaufen sich auf 78 Millionen Pfund oder mehr, genau weiß das niemand. Wir sind das abschreckende Beispiel des modernen Sports. Das Lehrstück, wie man es nicht machen sollte.

Zum einen ist es die Geschichte eines finanziellen Disasters, angeheizt von den Flammen der globalen Rezession. Zum anderen bieten die Ereignisse am Fratton Park viel Raum für Verschwörungstheorien. Ein Netz aus Intrigen, die vielen Besitzer, mysteriöse, nie anwesende Grundstückseigentümer, geheime Transfergeschäfte, Steuerbetrug, Gerüchte über Geldwäsche, ein verurteilter Betrüger als Drahtzieher, Konten wie schwarze Löcher – all das und mehr ist Pompey 2010. Mit jedem Besitzer wuchsen die Schulden, obwohl inzwischen jeder in der Stadt ein Trikot gekauft hatte. Unser Trainer Avram Grant hat einmal gesagt: „Wenn ich ein Buch über Portsmouth schreiben würde, wäre es ein Bestseller.“

Eins ist jedoch klar: Die Party ist vorbei. Und vielleicht nicht nur für uns, sondern für den gesamten englischen Fußball, der seit nunmehr 18 Jahren auf Gedeih und Verderb vor den Karren der Premier League gespannt ist. Manchester United hat 716 Millionen Pfund Schulden, auch Liverpool, West Ham und Hull City haben Probleme. Doch wir, der FC Portsmouth, sind das eitrige Geschwür auf dem glattrasierten Gesicht der selbst ernannten „Großartigsten Liga der Welt“. Wir sind die, denen es an den Kragen geht. Die kleinen Leute, die gierig wurden und auch ein einziges Mal absahnen wollten.

Es begann im Januar 2006, als Alexander Gaydamuk den Verein übernahm. Er war eine finanzstarke, aber geheimnisvolle Figur, die sich ständig mit unserem charismatischen Trainer Harry Redknapp anlegte. Irgendwie gelang es den beiden, eine ganze Horde internationaler Stars in unser nur 20 000 Zuschauer fassendes Stadion an die englische Südküste zu locken, in die stolze Hafenstadt Portsmouth, die Heimat der Navy. Davon hatte jeder Junge meiner Generation geträumt, seit wir als Schulkinder verblasste Fotos eines Klubs betrachteten, der einmal den englischen Fußball dominiert hatte. Wir hatten die Meisterschaft 1949 und 1950 gewonnen, danach versanken wir in der Bedeutungslosigkeit und finanziellen Problemen. Nun waren wir wieder da, mehr als ein halbes Jahrhundert später. Als das Pokalfinale in Wembley abgepfiffen wurde, zerquetschte ich meinen neunjährigen Sohn mit meiner Umarmung fast und sagte ihm immer wieder, es könne gar nicht mehr besser werden. Wie recht ich doch hatte.

Redknapp merkte, wie sich der Wind drehte und verließ uns vier Monate nach dem Pokalsieg. Er ging zu Tottenham Hotspur und nahm unser Glück gleich mit – und die Hälfte unserer Spieler. So begannen wir die aktuelle Saison mit einer Mannschaft, die diesen Namen kaum verdiente, einem hektisch vor dem Ende der Transferperiode zusammengewürfelten Haufen. Sagt Ihnen der Name Kevin-Prince Boateng etwas? Vorher hatten uns Spieler wie Peter Crouch, Jermain Defoe, Lassana Diarra, Sulley Muntari und Niko Kranjcar durch den Notausgang verlassen. Was aus den Transfererlösen wurde, weiß niemand. Wir eröffneten die Saison mit sieben Niederlagen in Folge, wie Besoffene torkelten wir durch die Liga. Die Premier League untersagte uns, dringend vom Finanzamt verlangtes Geld mit Spielerverkäufen hereinzuholen, viermal konnten Gehälter nicht pünktlich bezahlt werden. Ende Februar reichten wir als erster englischer Erstligist freiwillig einen Insolvenzantrag ein. Nach den Regeln der Premier League wurden uns am vergangenen Dienstag neun Punkte abgezogen. Vorher waren wir schon abgeschlagen. Jetzt, als Letzter und mit 17 Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz, ist es aussichtslos. Wir stehen am Abgrund, wie schon einmal in den Siebzigerjahren. Damals gingen Klingelbeutel mit der Aufschrift „S.O.S. Pompey“ in der Stadt herum. Aber diesmal schwimmen wir in unseren Schulden wie in einem Ozean.

In der vergangenen Woche entließ der Insolvenzverwalter 85 Angestellte des Klubs. Zuvor musste aber geklärt werden, ob unser Besitzer Balram Chainrai – Wohnsitz: Hongkong – überhaupt in England Insolvenz anmelden darf. Was die Besitzer Nummer zwei und drei – Sulamain Al-Fahim und Ali Al-Faraj – angeht: Der Erstere stellte sich als eher harmlos heraus. Wenn auch als Fantast, der vorgab, 50 Millionen Pfund investieren zu können. Und der andere? Nun, wir sind nicht einmal sicher, dass es ihn wirklich gibt. In Portsmouth ist er jedenfalls noch nie gesehen worden. So oder so: Das Finanzamt wartet noch auf 12 Millionen Pfund aus seiner Zeit als Klubbesitzer.

Aber noch ist nicht alles verloren. Es soll fünf Interessenten für den Klub geben. Bis wir mehr wissen, fühlen wir uns jede Woche nur für 90 Minuten sicher. An Spieltagen fühlen wir Fans uns so stark mit unserem Verein verbunden wie noch nie. In Paul Hart und seinem Nachfolger Avram Grant haben wir Trainer gefunden, die wie Fans reden. Wir haben jetzt auch ein Team, mit dem wir mehr anfangen können als mit den Stars, die den FA-Cup gewonnen haben. Wenn wir bis April überleben, werden wir als Gipfel der Ironie zurück nach Wembley kommen, für ein weiteres FA-Cup-Halbfinale, wahrscheinlich gegen Tottenham und unseren alten Trainer Harry Redknapp. Im Mai aber werden wir uns auf jeden Fall aus der Premier League verabschieden, lautstark und erhobenen Hauptes.

Die Liga hat abgesegnet, dass der Klub von einem windigen Besitzer zum nächsten verschachert wurde. Gemäß ihres geldgierigen Modells, dass die Klubs dazu verführt, sich Geld zu leihen und auf künftige Erfolge zu setzen. Manchester United hat mehr Schulden als alle Bundesligaklubs zusammen. Die Premier League soll die tollste Liga der Welt sein? Wohl kaum. In England wird Fußball gerne als „funny old game“ bezeichnet. Dieser Tage kommt das Gelächter aus dem Ausland. Und die Fußballwelt lacht nicht mit uns, sondern über uns.

Steve Morgan, 41, schreibt unter anderem für den „Guardian“ und die Fußballmagazine „When Saturday Comes“ und „FourFourTwo“. Er besucht Spiele des FC Portsmouth seit 30 Jahren und hat auch jetzt noch eine Saisonkarte. Sein Text wurde übersetzt von Lars Spannagel.

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