Englischer Meister : Leicester City: Wenn Schweine fliegen können

Leicester City ist Englischer Meister. Wie konnte das passieren? Erklärungsversuche.

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Wes Morgan feiert seinen Treffer gegen Manchester United.
Wes Morgan feiert seinen Treffer gegen Manchester United.Foto: REUTERS

Leicester City kann nicht Englischer Meister werden. Lionel Messi wird nie für Hertha BSC spielen. Die Piraten werden nach der nächsten Wahl keine Mehrheit im Bundestag haben. Und Schweine werden nicht fliegen. Das waren die Tatsachen von vorgestern. Am Montag ist Leicester City Englischer Meister geworden. Jetzt ist alles möglich.

Die Sensation stand gerade erst ein paar Minuten fest, weil der Tabellenzweite Tottenham beim FC Chelsea nicht über eine 2:2 hinausgekommen war, da redete der Sky-Experte Jamie Carragher bereits von der größten Sensation der Fußballgeschichte. In der übertriebensten Liga der Welt war das ausnahmsweise einmal nicht übertrieben. Leicesters Titelgewinn ist ein Märchen, das der Fußball eigentlich nicht mehr schreiben dürfte. Kurz noch mal die Fakten: Zum ersten Mal seit 38 Jahren gibt es in England einen neuen Fußballmeister. Vor 14 Monaten war Leicester Tabellenschlusslicht. Der Leicester-Fan, der am Anfang der Saison fünf Pfund auf die Sensation gewettet hat, gewann diese Woche 25000 Pfund.

Wie also konnte das passieren? Es gibt diejenigen, die sagen, es sei alles kein Wunder. Seit dem letzten TV-Vertrag sind schließlich alle englischen Klubs viel reicher. Und Leicester hat ja auch noch einen thailändischen Investor mit großen Ambitionen. Das neue Geld aber hat der Klub kaum genutzt. In seiner 132-jährigen Geschichte hat der Verein weniger Geld für Spielertransfers ausgegeben als Manchester United in den letzten beiden Jahren.

Jamie Vardy, der noch vor fünf Jahren in der achten Liga spielte, kostete den Verein 2012 eine Million. In dieser Saison schoss er 22 Tore und wurde Nationalspieler. Der gerade zum Spieler des Jahres gekürten Riyad Mahrez kam für 500000 Euro aus Frankreichs Zweiter Liga. So geht es weiter: der vom SM Caen verpflichtete Mittelfeldaufräumer N’Golo Kanté. Die bei Manchester United aussortierten Danny Drinkwater und Danny Simpson. Die aus dem Bundesliga-Mittelmaß geholten Shinji Okazaki und Christian Fuchs. Und hinten verteidigt der Berliner Robert Huth, der als Dauerverletzter selbst in Stoke nicht mehr gut genug war. Keiner von ihnen kostete mehr als zehn Millionen Pfund.

Gary Lineker nannte Verpflichtung Ranieris "uninspiriert"

Hinter dieser Transferpolitik steht ein bescheidener Mann namens Steve Walsh. Als Chef der Scouting-Abteilung hat er mit dem früheren Trainer Nigel Pearson eine Mannschaft zusammengebastelt, die 2014 aufstieg und 2015 gerade so den Abstieg verhinderte. Aber um aus Abstiegskämpfern ein Meisterteam zu machen, brauchte es noch den richtigen Trainer. Leicester wurde ausgelacht, als es Claudio Ranieri verpflichtete. Einen verrückten Italiener, der vor zwölf Jahren bei Chelsea gescheitert war. Englands Stürmer-Legende Gary Lineker, zugleich berühmtester Fan Leicesters, nannte seine Verpflichtung „uninspiriert“. Aber Ranieri nimmt den Fußball nicht allzu ernst. Der 64-Jährige wirkt wie ein exzentrischer italienischer Onkel, der seine Gelassenheit auf die Spieler übertragen hat. Leicester solle keine Angst haben, lautet seine Botschaft.

So kam es am Anfang der Saison zu diesem rauschenden Konterfußball, der Leicester ins obere Tabellenviertel schoss. Mit 13 Toren in elf Spielen stellte Vardy einen Ligarekord ein. Aber hinten stimmte es nicht. Auch das hat Ranieri entspannt gesehen. Seinen Spielern, sagte er, würde er jedes Mal eine Pizza ausgeben, wenn sie zu null spielen würden. Ende Oktober war es so weit. 1:0 gegen Crystal Palace. Ab ins Restaurant. Ranieri gab sogar den Kellner, bediente seine Jungs am Tisch. Für den Italiener war die Pizza eine Metapher für den Erfolg: „Man braucht Glück. Das ist das Salz. Die Fans sind die Tomaten. Ohne Tomaten hast du keinen Pizza.“

Auch nach Leicesters Siegen gegen Chelsea, Tottenham und Manchester City blieb Ranieri ruhig und der Klassenerhalt das Ziel. Erst als die Mannschaft sich unter den ersten vier etabliert hatte, redete sogar Ranieri vom Titel.
Am Montagabend sangen Chelseas Fans nur einen Namen: Claudio Ranieri. Vor zwölf Jahren war der Italiener von Chelseas Investor Roman Abramowitsch durch José Mourinho ersetzt worden. Seine Entlassung war der Anfang einer Ära, in der Scheichs und Oligarchen bestimmten, was im englischen Fußball passiert. Ausgerechnet Ranieri hat diese Herrschaft endlich erschüttert. Ausgerechnet Chelseas Fans haben das gefeiert. „Dilli ding, dilli dong, wir spielen Champions League“, hatte Ranieri vor ein paar Wochen bei einer Pressekonferenz gejubelt. Die vier Worte wurden zum Mantra des Märchens. In ihnen steckt die glückliche, blauäugige Absurdität eines verrückten Triumphs. Dilli ding, dilli dong. Die Schweine fliegen.

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