Enke-Biographie : Darf ein Nationaltorwart depressiv sein?

Robert Enke versuchte bis zuletzt, über die Krise, die doch eine Krankheit ist, hinwegzukommen. Eine Biografie über den Torwart wirft eindringlich die Fragen an ein Leben mit der Depression auf.

Uwe Soukup
Gedenken und Anteilnahme. Die Grabstelle von Robert Enke in Empede.
Gedenken und Anteilnahme. Die Grabstelle von Robert Enke in Empede.Foto: imago sportfotodienst

Ein knappes Jahr nach der Selbsttötung Robert Enkes ist es mit der relativen Ruhe um dieses erschütternde Ereignis vorbei. Offenbar angeregt durch eine gerade erschienene Biografie äußerte der Präsident von Hannover 96, Martin Kind, vorsichtige Kritik am Umfeld Enkes, insbesondere an seiner Witwe Teresa und dem Berater, Jörg Neblung. Zwar habe er rein menschlich Verständnis dafür, sagte Kind, dass die depressive Erkrankung des 32 Jahre alten Nationaltorwarts konsequent geheim gehalten wurde, doch denke er, dass Enke vielleicht noch leben könnte, wenn in seinem letzten Jahr anders gehandelt worden wäre.

Der Journalist Ronald Reng hat in seiner aufwühlenden Biographie „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ dessen Karriere und den Krankheitsverlauf minutiös beschrieben. Reng, der Torwartversteher unter den Sportjournalisten, lebt und arbeitet in Barcelona. Dort hatte er 2002 Robert Enke kennen gelernt, als dieser einen Karriereknick zu verarbeiten und in der Folge erstmalig mit einer schweren depressiven Krise zu kämpfen hatte. In diesen Jahren entstand die Idee, später gemeinsam ein Buch über Enkes Leben zu schreiben. Erst nach dem Ende seiner Karriere würde es möglich sein, das war beiden klar, auch seine Erkrankung zu thematisieren.

Robert Enke, 1977 in Jena geboren, hatte über die Stationen FC Carl Zeiss Jena, Borussia Mönchengladbach, Benfica Lissabon, FC Barcelona, Fenerbahce Istanbul und CD Teneriffa schließlich zu Hannover 96 gefunden. Seine Karriere erschien Beobachtern zwischenzeitlich schon als verunglückt: Ein großes Talent, das sich auf den Pfaden der Fußballnomaden verlaufen hatte. Aber Enke stabilisierte sich sportlich und psychisch; in Hannover begann seine zweite Karriere. 164 Mal hütete er das Tor der 96er, weit mehr als bei allen Stationen seiner vorherigen Laufbahn zusammen.

In Hannover im Tor zu stehen hat den unschätzbaren Vorteil, alle Hände voll zu tun zu haben. Und wie er hielt, das fiel bald landesweit auf. Mit 29 Jahren wurde Enke im März 2007 doch noch Keeper in der Nationalmannschaft.

Im September 2006 war Enkes Tochter Lara im Alter von zwei Jahren gestorben. Sie war mit einem schweren Herzfehler auf die Welt gekommen und musste mehrmals am offenen Herzen operiert werden. Enke, der sich gemeinsam mit seiner Frau aufopferungsvoll um seine Tochter kümmerte und auch eine frühere Einladung Jürgen Klinsmanns zur Nationalelf mit Hinweis auf den Gesundheitszustand seiner Tochter ausschlug, schlief im Krankenzimmer, als seine Tochter verstarb.

War Robert Enke gesund, hatte aber zwei depressive Phasen in seinem Leben, von denen er die zweite nicht überstand, weil sie zu stark war und ihn überwältigte? Was hatte die zweite Depression ausgelöst? Setzte ihn die besondere Belastung des Torwartspiels zu sehr unter Druck, beförderten ihn seine überragenden Fähigkeiten in eine Welt voller Konkurrenz und Leistungsdruck, für die er nicht geschaffen war? Gab es bei Enke eine Disposition zur Depression? Wodurch? Beide Eltern waren Leistungssportler, der Vater Psychologe. Als jüngstes Kind erlebte Enke Krisen und schließlich die Trennung seiner Eltern und es hat den Anschein, als habe sich Enkes Verhältnis zu seinem Vater davon nie wieder ganz erholt. Die letzte Begegnung der beiden, so stellt es Reng dar, endete im Streit.

Aus der zweiten Depression fand Robert Enke keinen Ausweg. Er müsste stationär behandelt werden und hatte bereits eine mögliche Privatklinik besichtigt, sich dann aber dagegen entschieden. Darf der „Torwart der Nation“ depressiv sein? Die Öffentlichkeit erfuhr von einer mysteriösen Infektion. Was ist mit Enke los? Schließlich nahm er das Training wieder auf. Seine Frau begleitete ihn, was natürlich auffiel. Mit einem Tritt gegen die Werbebande rüttelte sie ihren „Robs“ auf, wenn er Halt und Konzentration zu verlieren drohte. Sein Freund und Berater Jörg Neblung reiste an und quartierte sich bei den Enkes ein. Freunde wussten längst um die Krankheit, wollten aber helfen, das Bild der Normalität aufrechtzuerhalten, so wie der Erkrankte selbst. Reng schreibt: „So ist ein depressiver Mensch nicht nur ein Schauspieler, sondern macht die meisten um ihn herum zu Komparsen.“

Hannovers Präsident Martin Kind kritisiert nun eben dieses Verhalten. Doch um anders handeln zu können, hätte es zunächst des Einverständnisses Enkes bedurft, seine Erkrankung öffentlich zu machen – dies wäre bei einer mehrmonatigen stationären Therapie unweigerlich geschehen. Auch konnte niemand wirklich einschätzen, wie dramatisch die Situation ist. Robert Enke versuchte bis zuletzt, über die Krise, die doch eine Krankheit ist, hinwegzukommen. Er kehrte noch einmal in die Mannschaft zurück. Selbst unter dem Einfluss der Antidepressiva, die seine Reaktionszeit verlängern, machte Enke noch zwei beachtliche Spiele – gegen den 1. FC Köln und den Hamburger SV.

„Wenn Du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde.“ Mit diesem Satz versuchte Robert Enke einmal, seiner Frau zu beschreiben, was in ihm vorgeht. Nur zwei Tage nach dem Spiel gegen den HSV entschied er sich für einen Ausweg, der auch keiner ist.

Ronald Reng: Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben. Piper-Verlag 2010; 426 Seiten; 19,95 Euro.

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