Sport : Entdeckung der Effizienz

Warum Hollands Nationalteam jetzt noch gefährlicher ist

Stefan Hermanns

Es ist hier zu Lande eine fast schon folkloristische Eigenart, den Holländern ein feindliches Verhältnis zu den Deutschen zu unterstellen. Auch Rolf Töpperwien, der Reporter vom ZDF, hat sich am Mittwoch alle Mühe gegeben, diesem Klischee Genüge zu tun. Als er das Spiel der holländischen Fußball-Nationalmannschaft gegen Griechenland kommentierte, schilderte er den deutschen Zuschauern, was er vor der Begegnung im Presseraum des Philips-Stadions von Eindhoven erlebt hatte. Dort wurde das Länderspiel aus Bukarest gezeigt, und immer wenn ein Tor gegen die Deutschen fiel, so berichtete Töpperwien, sei unter den Holländern große Freude ausgebrochen. In Wirklichkeit interessierte sich in Eindhoven kaum jemand für die Übertragung aus Bukarest. Nur als die Rumänen das 4:0 schossen, lachte jemand lauthals und brüllte „Sensationell!“ durch den Saal. Es war – Rolf Töpperwien.

Das offizielle Holland registrierte die 1:5-Niederlage der Deutschen mit entschiedener Zurückhaltung. Aus historischer Erfahrung wissen die Niederländer, dass es nicht gut ist, das Monster zu reizen. „Jetzt können die Deutschen wieder die Rolle des Außenseiters spielen“, sagte Nationaltrainer Dick Advocaat nach dem eigenen 4:0 gegen Griechenland. „Aber sie sind schon bei vielen Turnieren zurückgekommen.“

Am 15. Juni treffen Deutsche und Holländer bei der Europameisterschaft in Portugal aufeinander, und schon aus der fußballgeschichtlichen Erfahrung heraus ist diese Begegnung eine ganz besondere für die Niederländer. Respekt ist das Mindeste, was sie den Deutschen entgegenbringen, auch wenn das nach den Testspielen vom Mittwoch übertrieben erscheint. Die Entwicklung der Holländer ist aus deutscher Sicht Besorgnis erregend. Das liegt weniger daran, dass Makaay, Zenden, Heitinga und van Hooijdonk gegen die zuvor 15-mal ungeschlagenen Griechen vier Tore schossen. Viel bedeutender ist, dass Holland zum vierten Mal hintereinander kein Tor kassierte.

Unter Advocaat hat die niederländische Nationalmannschaft die Effizienz entdeckt. Gegen die Griechen schossen die Holländer nach einer zähen ersten Halbzeit zwischen der 50. und 61. Minute eine 3:0-Führung heraus. Und erst danach frönten sie dem landestypischen schönen Spiel mit Hackentricks und ziellosen Ballstafetten.

Bisher wurde Advocaat immer eine beinahe irreale Anhänglichkeit an das Bewährte nachgesagt; doch indem er den Erfolg über die Ästhetik stellt, könnte ausgerechnet er zum nachhaltigsten Reformer des niederländischen Fußballs werden.

Wenn die Holländer dem neuen Prinzip folgten, wäre das ein radikaler Bruch mit ihrer Vergangenheit. Das gilt auch für die Abkehr vom traditionellen System mit drei Stürmern, das verehrt wird wie ein Heiligtum. Zum zweiten Mal bot Advocaat nur zwei Angreifer auf, besetzte dafür das Mittelfeld mit vier Spielern, die eine Raute bildeten. Im Vergleich zum alten System hat das neue seine Vorzüge in der Defensive. „Man steht enger im Mittelfeld. Dadurch wird es bei Ballverlusten einfacher“, sagte Advocaat. „Wenn man das System richtig spielt, sind wir ein sehr unangenehmer Gegner.“ Früher haben die Holländer so etwas über die Deutschen gesagt.

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