Sport : Entdeckung der Langsamkeit

Warum Tim Lobinger zur Hallen-EM darf

von
Foto: dpa
Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Herbert Czingon kann man nicht mehr sonderlich beeindrucken, er ist einfach schon zu lange dabei. Aber einen wie Tim Lobinger, den beobachtet er doch mit Interesse, Lobinger taugt als Anschauungsobjekt. „An dem können Trainer studieren, wie man mit wenig Energie große Höhen springt“, sagt Czingon, Leichtathletik-Bundestrainer für die technischen Disziplinen.

Der Stabhochspringer Lobinger ist mit wenig Energie bei den Deutschen Hallen-Leichtathletik-Meisterschaften in Leipzig 5,60 Meter gesprungen. Das reichte zu Platz zwei und zur Nominierung für die Hallen-Europameisterschaft in Paris. Die Norm freilich lag bei 5,70 Meter.

Warum darf Lobinger trotzdem mit? Ohne Norm, mit 38 Jahren? Warum darf Björn Otto nicht mit, obwohl er in dieser Saison schon 5,61 Meter überquert hat?

Aus zwei Gründen, antwortet Czingon. Erstens liege Lobinger mit seinen 5,60 Meter unter den Top 12 in Europa, und beim Verband haben sie dieses Ranking neben der Norm von vornherein als Zusatzkriterium betrachtet. Zweitens habe Lobinger in dieser Hallensaison „einfach die bessere Performance geliefert“, jedenfalls im Vergleich mit Otto. Der 38-Jährige sprang in dieser Saison bereits viermal 5,60 Meter, Otto gelang dies nur zweimal. Der hat zwar mit 5,61 Meter eine etwas bessere Saisonbestleistung als Lobinger (5,60), aber dieser Unterschied ist für Czingon marginal. Außerdem hatte Otto in Leipzig nur 5,40 Meter überquert.

Aber an den Sechs-Meter-Springer Lobinger, an den früheren Hallen-Weltmeister, erinnern nur noch alte Bilder. Jetzt läuft der 38-Jährige langsamer an als früher. „Das ist seinem Alter geschuldet“, sagt Czingon. Das Alter hat Lobinger allerdings selten daran gehindert, seine öffentliche Show abzuziehen. Sprüche und Leistungen liegen allerdings zunehmend grotesker auseinander. Auch deshalb sind viele Beobachter überrascht, dass man ihn für Paris meldet.

Aber Czingon ist da mehr der Analytiker. „Tim Lobinger läuft nicht mehr so schnell an und hat auch etwas weichere Stäbe als früher, aber dieses geringere Tempo hat auch seine Vorteile. Er springt jetzt technisch sauberer als früher.“ Und wenn er in Leipzig bei einem Versuch nicht unnötig die Latte berührt hätte, dann hätte Lobinger sogar 5,65 Meter überquert.

Dass Lobinger auch bei der RTL-Show „Let’s dance“ übers Parkett hoppelt, nimmt Czingon gelassen. „Der weiß schon, was er tun muss, damit der Sport nicht darunter leidet.“ Frank Bachner

0 Kommentare

Neuester Kommentar