Sport : Entscheidung in der letzten Kurve

2006 verlor Schumacher in Sao Paulo seinen letzten Titelkampf, 2008 weinten die Fans mit dem unglücklichen Massa. Ein Rückblick auf die Formel-1-Finals in Brasilien.

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Einen Rekord kann der Grand Prix von Brasilien in Interlagos unangefochten für sich beanspruchen: Im dritten Jahrtausend fielen hier die mit Abstand meisten WM-Entscheidungen der Formel 1. Das Finale zwischen Sebastian Vettel und Fernando Alonso 2012 (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) ist bereits die sechste. Von 2005 bis 2009 wurde der Titel jeweils auf der Strecke von Interlagos in Sao Paulo vergeben.

2005

Für Fernando Alonso war Interlagos damals ein gutes Pflaster. Um 15 Uhr, 32 Minuten und 50 Sekunden Ortszeit konnte die Renault-Truppe jubelnd auf die Boxenmauer springen und Alonsos Vater José Luiz in der Box ein paar Tränen der Freude und der Erleichterung vergießen. In den Straßen von Alonsos asturischer Heimatstadt Oviedo wurde genauso gefeiert wie im „Asturischen Haus“ in Sao Paulo, wo sich die Gemeinde der hier lebenden Spanier und natürlich vor allem der Asturier vor einer Großbildleinwand versammelt hatte. Alonso hatte es geschafft. Mit einem dritten Platz hinter den beiden McLaren-Mercedes-Piloten Juan-Pablo Montoya und Kimi Räikkönen holte er sich seinen ersten Weltmeistertitel in der Formel 1. Er war der erste Spanier, dem das glückte. Und damals, bevor Hamilton und Vettel kamen, war er mit 24 Jahren auch der jüngste Weltmeister überhaupt.

2006

Im ersten Abschiedsrennen von Michael Schumacher reichte Alonso ein zweiter Platz im Rennen hinter Felipe Massa zum zweiten Titelgewinn hintereinander. Auch für ihn war es ein Abschied. Er wechselte anschließend von Renault zu McLaren, und er bedankte sich damals gleich bei seinem Team: „Danke, danke für alles, wir haben es geschafft, was für ein fantastischer Abschluss unserer gemeinsamen Zeit. Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft.“ Das wünschte er dann auch Michael Schumacher. „Ich habe das große Glück gehabt, in den letzten beiden Jahren seiner Karriere den Titel zu holen. Das macht es besonders wertvoll. Es war schön, gegen ihn zu fahren – wir alle wünschen ihm und seiner Familie alles Gute.“ Schumacher hatte in dem Rennen noch theoretische WM-Chancen gehabt, die allerdings nach dem Qualifying schon fast auf Null gesunken waren, als ihn eine defekte Benzinpumpe auf den zehnten Startplatz zurückwarf. Im Rennen kam dann noch ein Reifenschaden dazu, und auch eine tolle Aufholjagd, die ihn wieder bis auf Platz vier nach vorne brachte, nützte nichts mehr.

2007

Das Finale brachte eine große Überraschung. Lewis Hamilton hatte zwei Rennen vor Schluss noch 17 Punkte Vorsprung gehabt. Beim damaligen Punktesystem mit zehn Zählern für den Sieger eine Welt. Doch der Brite verspielte mit einem dicken Fehler in der Anfangsphase und auch ein paar kleineren technischen Problemen alles. Ein fünfter Platz hätte zum Titel gereicht, doch er wurde nur Siebter. Seinem McLaren-Teamkollegen Fernando Alonso, der ebenfalls noch Titelchancen hatte, nützte Platz drei auch nichts mehr. Denn an der Spitze brachte Ferrari seine Piloten so ins Ziel, wie man es brauchte: Kimi Räikkönen übernahm die Führung von Felipe Massa, womit der Finne Weltmeister wurde. Und es dauerte damals eine ganze Weile, bis Räikkönen realisierte, was da passiert war. Auf dem Siegespodest in Interlagos wirkte der Finne nach dem größten Triumph seiner Karriere noch seltsam entrückt. Erst im Laufe der Pressekonferenz taute er so richtig auf. „Er hat so viel geredet wie sonst in einem ganzen Jahr nicht“, stellte damals Peter Sauber fest, der 2001 Räikkönens erster Teamchef in der Formel 1 gewesen war.

2008

Es war eines der dramatischsten WM-Finals aller Zeiten. Bis vier Runden vor Schluss schien Lewis Hamilton ziemlich ungefährdet auf dem Weg zum Titel, dann warf ein Regenschauer alles über den Haufen. Hamilton fiel auf Rang sechs zurück, der Ferrari-Pilot Felipe Massa startete als Weltmeister in die letzte Runde. Der Brasilianer gewann auch das Rennen und durfte sich im Ziel für einige Sekunden als Champion fühlen. Doch wenige Kurven vor Schluss überholte Hamilton dann doch noch Timo Glock, der im inzwischen strömenden Regen mit Trockenreifen hoffnungslos unterlegen war und sicherte sich den rettenden fünften Platz, der ihn mit einem Punkt Vorsprung zum Weltmeister machte. Brasilien weinte mit Massa, der sich von der Niederlage nie erholte.

2009

Auch in diesem Jahr war die Enttäuschung der Fans auf den Tribünen riesig, der Jubel bei Jenson Button umso größer. Was nach dem Qualifying kaum noch einer geglaubt hatte, weil Button da in einer Regenlotterie nur auf Platz 14 gekommen war, wurde Wirklichkeit: Der Brite sicherte sich mit seinem fünften Platz in Interlagos bereits ein Rennen vor Saisonende den Weltmeistertitel. Das Brawn-Team holte außerdem die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft – und der große Verlierer war Rubens Barrichello. Buttons Teamkollege konnte aus seiner Poleposition nicht viel machen, und selbst wenn er nicht kurz vor Schluss noch einmal zu einem zusätzlichen Boxenstopp hätte hereinkommen müssen, hätte es für den Brasilianer nicht gereicht, die Titelentscheidung noch einmal aufzuschieben. Auch Sebastian Vettel hatte vor dem Rennen noch Titelchancen gehabt, war aber wie Button ein Opfer des Qualifying-Chaos geworden und sogar nur als 15. gestartet. Seine tolle Aufholjagd bis auf Platz vier nützte nichts mehr, danach kämpfte er mit den Tränen. „Es war nur noch eine kleine Chance, aber sie war da, ich habe immer daran geglaubt, jetzt ist es vorbei und das tut schon weh“, sagte er. „Aber das Leben muss weiter gehen und wird weitergehen.“ Für ihn sogar sehr erfolgreich, 2010 und 2011 holte er den Titel – allerdings nicht in Brasilien.

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