Sport : Enttäuschte Liebe

Die Karriere des Basketballprofis Wendell Alexis endet im Unfrieden: Chronik eines letzten Tages

Benedikt Voigt

Leipzig. Dies ist die Chronik des letzten Tages einer langen und erfolgreichen Basketball-Karriere. Wendell Alexis hat ihn sich anders vorgestellt.

Es ist Donnerstagvormittag, elf Uhr. Wendell Alexis fährt in einem silbernen Mercedes-Coupé von seinem Wohnort Leipzig nach Weißenfels. „Ich möchte mich noch einmal von der Mannschaft verabschieden“, sagt der US-Amerikaner, „außerdem muss ich den Wagen zurückbringen.“ Im Kofferraum liegt ein brauner Karton mit Tapeverbänden und Mullbinden. „Die können sie gut gebrauchen“, sagt Alexis. Auch einen zusammenklappbaren Massagetisch bringt er jenem Verein zurück, von dem er sich nun im Unfrieden trennt.

Am vergangenen Samstag war er mit seiner Sporttasche in der Weißenfelser Halle erschienen, um das Bundesligaspiel gegen Köln zu bestreiten. Der Verein hatte zwei Tage zuvor Insolvenz angemeldet, alle Spieler hatten sich bereit erklärt, die Saison für Insolvenzgeld weiterzuspielen – außer Wendell Alexis. „Ich habe meine Prinzipien“, sagt der Routinier. „No money, no play.“ Kein Geld, kein Spiel. Gegen Köln jedoch hatte er noch einmal antreten wollen. Trainer Henrik Dettmann ließ ihn nicht.

Wie es dazu kam, darüber gehen die Aussagen auseinander. Dettmann erzählt, dass Alexis nicht zum Videostudium und zum Abschlusstraining erschienen ist. „Da kann ich ihn doch nicht aufstellen, das verstehen Sie doch?“, sagt der Coach. Alexis hingegen sagt, dass ihm der Trainer schon am Vortag erklärt habe, dass er gegen Köln nicht spielen werde. „Ich konnte ihm nicht zusagen, dass ich die Saison zu Ende spiele“, sagt Alexis, „ich wollte erst mit meinem Anwalt sprechen.“ Deshalb habe er gefehlt. Wie immer es war: Das Ergebnis des Streites ist, dass Alexis im letzen Spiel seiner Karriere nicht spielen durfte.

Dass es vorbei ist mit dem Spielerdasein, daran lässt er auf der Autobahn nach Weißenfels nur wenig Zweifel. „Es müsste schon etwas Erstaunliches passieren, damit ich weitermache.“ Er hat sich schwer getan mit dieser Entscheidung. Bereits als er mit 32 Jahren als Spieler mit Europa- und NBA-Erfahrung 1996 zu Alba Berlin stieß, dachte er, dass es seine letzte Saison werden würde. Und machte doch weiter, sechs Jahre lang, in denen er jeweils mindestens den deutschen Meistertitel mit den Berlinern gewann und die Bundesliga als Persönlichkeit prägte. Nun sagt er: „Die Bundesliga hinterlässt einen schlechten Geschmack in meinem Mund.“

Alba wollte ihn nicht mehr

Erstmals enttäuschte die Liga ihn, als ihn Alba im Juni 2002 nicht mehr haben wollte. „Ich wollte meine Karriere in Berlin beenden“, sagt Alexis. Er musste bis Januar warten, bis ihn Paok Saloniki engagierte – und ihm kein Geld zahlte. Dasselbe erlebt er nun beim Mitteldeutschen BC. „Wie oft soll man sich in den Magen schlagen lassen, bis man sagt: autsch?“

Alexis klingelt an der Eingangstür der Weißenfelser Stadthalle. „Vielleicht lassen Sie mich gar nicht rein“, sagt er. Sein Verhältnis zum Verein ist zerrüttet. Nach einer Minute erscheint jedoch der Physiotherapeut Thomas Albrecht – und öffnet. In der Halle quietschen Sportschuhe auf dem Parkett, der Mitteldeutsche BC trainiert. Alexis setzt sich auf eine hölzerne Bank am Spielfeldrand, einige Spieler schielen zu ihm herüber. Albrecht erzählt von der Niederlage im Bundesligaspiel in Trier (90:91), bei dem Alexis ebenfalls fehlte. „0,7 Sekunden vor dem Ende haben wir den Dreier kassiert“, sagt der junge Mann, „wir haben einfach unglaublich viel Pech.“ Später wird Alexis sagen: „Das ist kein Pech, wir müssen nur in der Offensive besser spielen.“ Er hält nicht mehr viel von den Fähigkeiten des ehemaligen Bundestrainers Henrik Dettmann, der mit einer hochkarätig besetzten Mannschaft 15 Niederlagen in der Bundesliga kassierte. Dettmanns Offensivsystem heißt Triangle-Offense. Die Spieler nennen es: „Bermuda-Triangle-Offense.“

Nach dem Training schüttelt Alexis die Hände seiner ehemaligen Mitspieler. Dann geht er zum Trainer. Der sagt zu ihm: „Alles Gute, Wendell, mach’s gut.“ Das war’s.

Als Alexis seinen Wagen zurückgibt, steht Dettmann immer noch in der Halle. Der Trainer sieht schlecht aus. Im Laufe des Jahres hat er sieben Kilogramm abgenommen, zudem zwinkert er ungewöhnlich oft mit beiden Augen. Er kann Alexis’ Entscheidung nachvollziehen – aber nicht verstehen. „Das Spiel ist größer als du“, sagt er. „Man muss das Spiel lieben.“

Alexis hält das für unprofessionell. „Der Trainer hat keine Familie zu ernähren, er hat keine Verantwortung für andere Menschen“, sagt er. „Soll ich meiner Frau und meinen Kindern sagen, ich kriege kein Geld, möchte aber noch eineinhalb Monate 6000 Meilen von ihnen entfernt sein – weil ich das Spiel so liebe?“ Seine Familie lebt inzwischen wieder in Hillsborough, New Jersey. Hier sieht er auch seine Zukunft – als Trainer. „Ich möchte eine eigene Halle bauen“, sagt der dreifache Familienvater. Er wolle dort Kinder trainieren und Camps für Spieler abhalten, die nach Europa gehen wollen.

Vom Mitteldeutschen BC, der hochkarätige Spieler kaufte und nicht das Geld dafür hatte, fühlt er sich betrogen. „Man kann kein Team mit Wünschen machen, das ist alles ein großer Witz.“ Alexis flucht. Eine Bahnschranke senkt sich unmittelbar vor dem blauen Wagen, den er in Weißenfels zurück getauscht hat, und trennt ihn von der Rückkehr nach Leipzig. Es ist Donnerstagnachmittag, drei Uhr, und auf einmal hat er es eilig, die Karriere zu beschließen.

Eigentlich könnte dies das Ende sein, doch am Samstag folgt noch ein Nachspiel: Die Agenturen melden, dass dem Mitteldeutschen BC die Lizenz entzogen wurde. Der Klub darf die Saison nicht zu Ende spielen. Wendell Alexis bekommt davon nichts mit. Er sitzt zu diesem Zeitpunkt in einem Flugzeug und überquert den Atlantik. Plötzlich hat er doch noch rechtzeitig aufgehört.

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