Sport : Enttäuschung vor leeren Rängen

Die schwache Saison von Energie Cottbus lockt immer weniger Fans ins Stadion.

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Die Fernsehleute hatten gute Argumente. Der Weg sei zu weit, um die Kabel bis zur Osttribüne des Stadions der Freundschaft zu verlegen. Zudem seien ja hinter der Westtribüne die Stellplätze für die Übertragungswagen. So war das Anliegen des Vereins, die Kameras doch auf der anderen Seite zu platzieren, rasch vom Tisch. Auch die Verantwortlichen des FC Energie Cottbus mussten akzeptieren, welcher Eindruck da nun weiterhin bei jeder Übertragung aus ihrem Stadion in deutschen Wohnstuben entsteht: Zweitligafußball vor mehr oder minder leeren Kulissen. Dieser Eindruck entsteht einerseits, weil die Stammkundschaft vornehmlich auf der alten Westtribüne hockt oder auf der Nordwand steht – aber auch, weil sich mittlerweile tatsächlich immer weniger Fans für die Spiele des Klubs interessieren. „Das ist nur logisch“, sagt Ulrich Lepsch, der Präsident, „wir erleben eine Saison, die uns alle enttäuscht.“

Das Stadion bietet Platz für genau 22 528 Zuschauer. An diesem Sonntag droht jedoch ein neuer Tiefpunkt. Nur 6000 Karten gingen für die Begegnung mit dem FSV Frankfurt im Vorverkauf weg, inklusive Jahresabonnements. Das passt zu den Zahlen in der Rückrunde: 7500 Zahlende gegen Duisburg, 6280 gegen Aachen, 8870 gegen Braunschweig, 7819 gegen Düsseldorf. Selbst das Ostduell gegen Aue wollten nur 9442 Fans sehen. „Zumindest da hatten wir mit einer fünfstelligen Kulisse gerechnet“, sagt Lars Töffling, der Medienbeauftragte. „Wir haben ein Riesenloch im Etat.“ Das liegt nicht nur daran, dass Energie mit 11 500 Zuschauern im Schnitt kalkuliert hatte. Tendenz: weiter fallend. Auch die Merchandising-Einnahmen blieben hinter den Erwartungen zurück. „Die Fans sind nicht in Stimmung für Shopping“, weiß Töffling. Aber die größte Lücke gibt es bei den TV-Geldern.

„Uns fehlen im Fernsehranking rund 900 000 Euro“, sagt Lepsch, auf sechs Millionen hatte Energie wieder gehofft. Der Chef hat zwar einen Notplan, stöhnt aber: „Eigentlich hatten wir mit dem Transfer von Leo Bittencourt in der neuen Saison anderes vor, als nur die alte Spielzeit auszugleichen.“ Das Talent sieht für angeblich drei Millionen Euro Ablöse seine Zukunft ab Juli bei Borussia Dortmund – dank ihm wird auch nach dieser Saison keine rote Zahl unterm Strich stehen. Dafür ist Sparkassendirektor Lepsch seit Jahren bekannt. Er, der Energie einst vor der Insolvenz rettete, sagt heute: „Wenn ein anderer käme, würde ich meinen Platz räumen.“ Doch das Thema vertiefen mag er nicht. Nicht jetzt. Schließlich ist er noch bis 2014 gewählt. Und aus dem Staub machen werde er sich nicht, betont der 53-Jährige.

Obwohl er unglücklich ist mit der aktuellen Saison. „Wir stecken fest im grauen Mittelmaß und müssen sogar nach unten schauen“, sagt er verächtlich. „Von so einer Mannschaft muss man mehr erwarten.“ Lepsch verweist darauf, dass Energie mit Personalkosten von sieben Millionen Euro zu den Besser-Bezahlern gehört. „Für Zweitligaverhältnisse geht es den Spielern bei uns gut.“

Zu Jahresbeginn hat er seine Unzufriedenheit in einer Trennung von Trainer Claus-Dieter Wollitz münden lassen, dem Begeisterung und Konzentration abhandengekommen zu sein schienen, wie so manchem Spieler. „Der eine oder andere hatte zeitweise keinen Bock“, sagt Lepsch heute. „Das hat man gesehen und gespürt.“ Nun ist Rudi Bommer da, voller Tatendrang. Als er kam, wusste er mit dem in Cottbus bekannten Begriff Drei-Jahres-Rhythmus („Ist das die Zeit, die ein Trainer bleiben darf?“) so gar nichts anzufangen – nun ist das auch nicht mehr wichtig. Denn jetzt gehen die Uhren anders in der Lausitz. Alle drei Jahre wechselte der Verein nach der Wende die Spielklasse, nun wird er in ein viertes Jahr Zweitklassigkeit gehen. Immerhin, betont Lepsch, die Sponsoren bleiben weiterhin geduldig. 150 Geldgeber spülen weiter 4,5 Millionen Euro in die Kasse – so dass er auch in der kommenden Spielzeit mit 13 Millionen Gesamtbudget planen kann. Aber was sind schon Pläne im Profifußball?

In diesem Jahr wollte man oben mitspielen, möglichst aufsteigen. Nun sagt Lepsch mit Blick auf die neue Spielzeit: „Wir wollen in der ersten Tabellenhälfte dabei sein, werden nicht den Aufstieg ausgeben“, schon gar nicht, bevor klar ist, ob vielleicht Branchenriesen wie Hertha BSC oder der Hamburger SV im nächsten Jahr zweitklassig spielen, „wir wollen mit kleinen Veränderungen neu starten und uns festigen.“ Ein großer Umbruch ist nicht möglich, immerhin 23 Profis besitzen Verträge, die im Sommer weiterlaufen.

Auch der Trainer spricht seit Dienstantritt viel von „Stabilisierung“ bei einem Team, das mittlerweile defensiv besser steht als noch unter Wollitz. Er will bemerkt haben, dass „sich die Stimmung bessert. Sowohl innerhalb der Mannschaft als auch auf den Rängen. Weil erkennbar ist, dass die Jungs Gas geben und als Einheit auftreten.“ Von Zahlen und Erlebnissen wie zuletzt im Mai 2009 sind sie aber weit entfernt. Damals, als Energie Cottbus sich aus der Bundesliga verabschiedete. Selbst die Osttribüne war im Relegationsspiel gegen den 1. FC Nürnberg komplett besetzt.

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