Sport : Er bewegt Wimbledon

Lange saß Philippoussis im Rollstuhl, jetzt steht er im Finale

Benedikt Voigt

London. Kaum zu glauben, dass dieser 1,93 Meter große und 91 Kilogramm schwere Körper hilflos sein kann. Und doch, vor nicht allzu langer Zeit saß Mark Philippoussis für zweieinhalb Monate in einem Rollstuhl und konnte sich nicht bewegen. Drei Operationen an seinem linken Knie hatten seinen Bewegungsdrang gestoppt. „Ich bin jemand, der eigentlich kaum still sitzen kann“, sagt der australische Tennisspieler, „Für mich war diese Zeit sehr, sehr deprimierend.“

Am Sonntag wird Mark Philippoussis zum ersten Mal in seinem Leben im Finale des Grand-Slam-Turniers von Wimbledon stehen. „Das ist eine Hollywood-Geschichte“, sagte die Tennislegende John McEnroe, „die Ärzte hatten ihn schon abgeschrieben.“ Der 26-Jährige erreichte gestern das Endspiel durch einen souveränen Erfolg (7:6, 6:3, 6:3) über den Franzosen Sebastien Grosjean. Im Achtelfinale gegen den Weltranglistenersten Andre Agassi und im Viertelfinale gegen Alexander Popp hatte Philippoussis in jeweils fünf Sätzen größere Schwierigkeiten gehabt. „Ich glaube, Grosjean hat heute nicht sein bestes Tennis gespielt“, sagte der Australier. Ihm konnte das nur recht sein, er hat nun die Möglichkeit, vom Rollstuhlfahrer zum Wimbledonsieger aufzusteigen. Nur Roger Federer kann das Happy-End seines wundersamen Comebacks verhindern. Federer besiegte Andy Roddick (USA) ebenfalls 7:6, 6:3, 6:3 und zog als erster Schweizer in ein Wimbledon-Finale ein.

Auch im Duell mit Grosjean konnte sich der Australier auf seinen Aufschlag verlassen. Mit 164 Assen in diesem Turnier führt er mit großem Abstand vor Sebastian Grosjean, der auf 90 kommt. Im Halbfinale schlug Philippoussis für seine Verhältnisse allerdings nur wenige Asse, insgesamt elf (gegen Agassi 46, gegen Popp 33). Doch seine ersten Aufschläge blieben wuchtig. Mit 210 km/h servierte er den schnellsten Aufschlag des Nachmittags. Dem Franzosen, der am Vortag den britischen Publikumsliebling Tim Henman bezwungen hatte, gelang kein einziges Break. Bei längeren Ballwechseln, die allerdings nur selten zustande kamen, bewies Philippoussis, dass auch seine Grundschläge gefährlich sind. Nach einer Stunde und 56 Minuten hatte er mit seinem zweiten Matchball den zweiten Finaleinzug bei einem Grand Slam geschafft. 1998 hatte er im Finale der US Open gegen seinen Landsmann Patrick Rafter verloren. Das freilich war vor seiner Leidenszeit.

„Es war ein langer, langer Weg zurück. Ich habe Stunden im Kraftraum und auf dem Platz verbracht“, sagt Philippoussis. Im Rollstuhl hatte er viel Zeit, über seine Karriere nachzudenken, die einmal so hoffnungsvoll begonnen hatte. „Man denkt: Ich hätte dies oder das machen können“, sagt der Australier, der von seinem Vater gecoacht wird. Vor allem mental hatte er Schwierigkeiten, mit den Verletzungen umzugehen, verbrachte mehr Zeit in Bars und Diskotheken in South Beach/Miami als auf dem Tennisplatz. In der Weltrangliste rutschte er bis auf Platz 148 zurück.

Vor etwas mehr als einem Jahr änderte Philippoussis seine Einstellung. „In Miami geht es nur darum, was du hast und was du zeigen kannst – ich hatte einfach genug davon.“ Er zog nach San Diego/Kalifornien und wollte seine Karriere noch einmal ernsthaft verfolgen. Zwar geht der Australier am Morgen vor dem Training noch für zwei Stunden im Meer surfen. Doch das ist für den Kraftprotz mit dem Tattoo von Alexander dem Großen auf dem Oberarm eine Art mentales Training.

Als Nummer 48 der Weltrangliste kam er nach Wimbledon. Er hat sich nicht viel ausgerechnet. „Ich wollte nur gesund bleiben“, sagt Philippoussis. Das zumindest ist ihm gelungen. In seiner Leidenszeit hat er gemerkt, was ihm am meisten fehlte. „Das, was man liebt, ist das, was man vermisst – und ich habe Tennis vermisst.“ Nun sind sie wieder eins, das Tennis und Mark Philippoussis.

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