Sport : Er flog und flog und flog

Mit ihr hatte keiner gerechnet: Linda Stahl gewinnt den EM-Titel im Speerwurf vor Christina Obergföll und der Favoritin Barbora Spotakova

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Ein Zuschauer reichte die deutsche Fahne. Linda Stahl breitete sie aus, Christina Obergföll kam dazu, gemeinsam legten sie die Fahne um ihre Schultern, zwei strahlende Frauen, die neue Speerwurf-Europameisterin und die Silbermedaillengewinnerin. Die EM in Barcelona hatte gestern ihre große Überraschung. Die Außenseiterin Linda Stahl aus Leverkusen gewann Gold mit neuer persönlicher Bestleistung von 66,81 Metern. Christina Obergföll von der LG Offenburg landete mit 65,58 Metern auf Rang zwei. Und das alles nahezu zeitgleich mit dem Sieg von Verena Sailer über 100 Meter. Drei Medaillen in zehn Minuten, nachdem die Deutschen an den ersten beiden Tagen leer ausgegangen waren.

„Das ist unglaublich, ich hätte nie gedacht, dass ich fast an 67 Meter rankomme und mich so verbessern könnte, beim Einwerfen im Regen war die Stimmung so im Keller“, sagte Linda Stahl fassungslos. Niemand hatte wirklich mit ihr gerechnet. Sicher, die 24-Jährige hatte schon mal 66,06 Meter geworfen, aber das war vor zwei Jahren. In dieser Saison war sie nicht über 62,65 Meter hinaus gekommen. Doch dann nützte sie ihre Chance, sie trumpfte auf in einem Wettkampf, in dem wegen des Windes schwierige Bedingungen herrschten. Die entscheidenden Momente gab es gegen 21.45 Uhr. Sekundenlang zuckten die Finger von Linda Stahl, als sie den Speer über ihrem Kopf hielt. Dann nahm sie Anlauf, ein mächtiger Stemmschritt, der Speer flog in den Nachthimmel von Barcelona. Er flog und flog, und landete bei 66,81 Meter. Und tausende Fans schrieen plötzlich auf. Stahl hatte sich an die Spitze gesetzt, sie hatte die Goldmedaille greifbar nahe, sie hatte ihre persönliche Bestleistung um 75 Zentimeter gesteigert.

Kurz danach Christina Obergföll, ihre Teamkollegin. Die 28-Jährige lag zu diesem Zeitpunkt mit 64,12 Metern auf dem dritten Platz, durch den fulminanten Wurf von Stahl von Rang zwei abgedrängt. Obergföll lief an, wieder ein mächtiger Stemmschritt, der Speer flog 65,58 Meter weit. Platz zwei, Silber bedeutete das zu diesem Zeitpunkt, Silber vor der Weltrekordlerin Barbora Spotakova aus Tschechien, die in ihrem bisher weitesten Versuch 65,36 Meter erreicht hatte. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, der sechste Versuch von Spotakova, die letzte Chance für sie, den Titel doch noch zu gewinnen. Ihr Speer flog steil in den Himmel, doch er landete nicht weit genug. Jetzt war klar, die Deutschen würden Gold und Silber gewinnen. Aber wer würde Europameisterin?

Der letzte Versuch von Stahl. Nicht weit genug, jetzt musste sie auf Obergföll warten. Doch ihre Teamkollegin hatte einen ungültigen sechsten Versuch. Linda Stahl war die Überraschungs-Europameisterin. Ärgern konnte Obergföll sich freilich nicht: „Ich freue mich über die Silbermedaille, denn ich hatte eigentlich schwere Beine“, sagte sie. „Aber ich hatte den Sieg sogar greifbar nahe.“ Dabei hatte erstmal die Favoritin Spotakova dominiert. Sie beeindruckte in ihrem ersten Versuch gleich mit 65,36 Metern. Obergföll kam nicht so gut in den Wettkampf. Im ersten Versuch landete ihr Speer bei 61,46 Metern, das bedeutete immerhin noch Platz zwei. Doch dann steigerte sie sich ganz erheblich. Mit 64,12 Metern rückte sie der Tschechin erheblich näher. Dritter Durchgang. Plötzlich griff Linda Stahl in den Medaillenkampf ein. Die Sechste der WM 2009 warf den Speer auf 63,17 Meter und rückte auf den dritten Platz vor. Für Stahl war es zu diesem Zeitpunkt Saisonbestleistung. Aber es kam ein paar Minuten später ja noch viel besser.

Der dritte Versuch von Spotakova. Doch der Speer landete klar unter der 60-Meter-Marke. Direkt danach Obergföll. 63,76 Meter. Der vierte Durchgang, Stahl warf. Aber der Speer landete weit vor der 60-Meter-Marke. Die Leverkusenerin machte den Versuch ungültig. Sie lächelte dabei. Es sah aus, als wüsste sie, was noch kommen würde.

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