Sport : Er hat den Job und will den Titel

Steve McClaren wird bald englischer Nationaltrainer und steht mit Middlesbrough im Uefa-Cup-Finale

Raphael Honigstein[London]

Vergangenen Mittwoch, als Steve McClarens Ernennung zum Nationaltrainer bereits sicher, aber noch nicht offiziell bekannt war, harrte ein gutes Dutzend Journalisten vor seinem Haus in Yarm, einem Vorort Middlesbroughs, aus. Ein paar Tage zuvor hatten sie noch Luiz Felipe Scolari in Lissabon aufgelauert. Der brasilianische Weltmeistertrainer hatte als Nachfolger von Sven-Göran Eriksson schon fest gestanden, seine Zusage jedoch zurück gezogen, als er sich spät abends vor seinem Domizil mit der geballten englischen Zeitungsmeute konfrontiert sah. Diesen Stress wollte sich Scolari auch für 4,5 Millionen Euro Jahresgehalt auf Dauer dann doch nicht antun.

Scolaris Wankelmütigkeit war McClarens Glück. Er ist die sprichwörtliche zweitbeste Lösung. Als es schon langsam dunkel und immer ungemütlicher in Yarm wurde, wussten seine Frau und er, was sie als echte Engländer zu tun hatten. Den wartenden Journalisten wurde Tee serviert. Der Aufdruck einer Tasse erinnerte an „Germany 1 – England 5“, den denkwürdigen Sieg in der WM-Qualifikation 2001. Patriotismus war am Donnerstag, bei der Vorstellung im Sitz der Football Association, selbstverständlich das Lieblingsthema des 45-Jährigen. „Ich bin wahrscheinlich der stolzeste Mann des ganzen Landes“, sagte McClaren, „meine Ernennung ist Motivation für alle englischen Trainer“. „Das kann er laut sagen“, kommentierte der „Observer“ sarkastisch, „er ist seit fünf Jahren Trainer, hat bisher einen Ligapokal geholt und dieses Jahr mit Boro nur zwölf Spiele gewonnen. Wenn das reicht, um einen Vierjahresvertrag für zehn Millionen Pfund zu bekommen, kann sich der Trainerverband demnächst auf eine Flut von Anmeldungen für die Ausbildungskurse einstellen“.

Nein, ein Jubelsturm fegt nicht wirklich durchs Land, seit feststeht, dass Middlesbroughs Trainer McClaren, der Assistent von Eriksson in der Nationalmannschaft, nach der WM seinen Vorgesetzten beerben wird. Da hilft auch der richtige Pass nicht viel, obwohl McClaren damit der Forderung vieler Briten entspricht, nach dem Schweden Eriksson wieder einen Landsmann auf dem Posten des Nationaltrainers zu sehen. Er ist ein Mann, über den kaum jemand ein schlechtes Wort verliert – und kaum jemand ein richtig gutes. Obwohl er 1999 als Assistent von Alex Ferguson mit Manchester United die Champions League gewann, hielt sich auch der Schotte mit Lobpreisungen auffällig zurück. Derby Countys Trainer Jim Smith, der ihn 1995 als seine rechte Hand zu Derby County holte – McClaren hatte dort in der Zweiten Liga gespielt, bevor ein Rückenleiden die aktive Karriere beendet hatte –, hat ihn als „Trainer mit dem meisten Glück“ bezeichnet.

Und trotz des sensationellen Einzugs ins Uefa-Cup-Finale heute Abend gegen den FC Sevilla weint man ihm auch in Middlesbrough nur wenig Tränen nach. McClaren hat den kleinen, vom schwerreichen Transportunternehmer Steve Gibson unterfütterten Verein im Nordosten vor fünf Spielzeiten auf dem 14. Platz übernommen, auf dem 14. Platz gibt er ihn wieder ab. Spieler für 80 Millionen Euro hat er ins Riverside Stadion geholt; ihre Qualität stand selten im Verhältnis zu den Kosten. Wer wissen wollte, warum es in der finanzstärksten Liga der Welt nicht mehr Spitzenvereine gibt, musste nur nach Middlesbrough schauen.

„McClaren hat viele Talente, in bestimmten Bereichen“, hat Gibson vor kurzem gesagt. Das war ziemlich deutlich. Fast wäre er diese Saison gefeuert worden. 0:7 (gegen Arsenal) und 0:4 (gegen Aston Villa) im Januar; ein erboster Boro-Fan bewarf ihn mit den Fetzen seiner zerrissenen Jahreskarte. Neben den schwachen Resultaten erzürnte die Anhänger vor allem seine bespiellose Defensivtaktik. Kein englischer Trainer stellt vorsichtiger auf. Im Viertel- und Halbfinale lag man gegen den FC Basel und Steaua Bukarest zu Hause zwei Mal mit vier Toren Rückstand hinten, bevor brachialer Kick-and-Rush die späte Rettung brachte.

McClaren bekam wenig öffentliche Anerkennung dafür. Die Spieler berichteten, der Australier Mark Viduka, 30, hätte in der Kabine eine flammende Rede gehalten. Sein eigener Kapitän, Gareth Southgate ist sich nicht sicher, ob England nicht zu früh für McClaren komme. Als Langweiler ist er bei der Presse verschrien, er gibt viel Unverfängliches von sich und betont immerfort sein „positives Denken“. Fast feindselig begegneten ihm die Schreiber bei seiner ersten Pressekonferenz. „Er war der erste Nationaltrainer, der sich zu seiner Unbeliebtheit befragen lassen musste, bevor er seine Arbeit angefangen hat“, schrieb die „Sunday Times“ über das Verhör. Zumindest in Middlesbrough spielt das alles aber keine Rolle. Man wird ihm das sprichwörtliche Denkmal vors Stadion bauen, wenn seine Jungs heute Abend gewinnen. Sevilla ist sicher besser. Aber McClaren, dem Glückspilz, ist im Moment alles zuzutrauen.

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