Sport : Er hat sich nicht getraut

MICHAEL ROSENTRITT

BERLIN .Außergewöhnliche Spiele verlangen Außergewöhnliches.Mal abgesehen davon, daß der alte Hit von Queen in diese Kategorie fällt, aber er darf einfach nicht mehr zu jeder sich halbwegs bietenden Gelegenheit in deutschen Arenen abgedudelt werden.Freddy Mercury würde sich im Grabe wälzen, wenn er denn geflüstert bekäme, wann, warum und wie oft sich Menschen überall in diesem Land für Champions halten.Auch wenn sie, wie im Falle Hertha BSC, "nur" Dritter in der Fußball-Bundesliga werden.

Zurück zum Außergewöhnlichen.Irgendwann zwischen dem 4:1 und 5:1 fängt Herthas Torwart Gabor Kiraly den Ball.Es ist einer der vielen harmlos vorgetragenen Angriffe des Hamburger SV an diesem warmen Sonnabend nachmittag vor 76 000 Menschen im ausverkauften Olympiastadion zu Berlin.Die härtesten Hertha-Fans in der Kurve hinter Kiralys Tor feiern seit einer Stunde.Da überlegt der Torwart plötzlich drei, vier Sekunden lang.In der einen Hand hält er den Fußball, die andere zeigt gegen die Querlatte seines Gehäuses.Kiraly will fragen: Leute, soll ich jetzt das Ding mal machen?

Das Ding ist nämlich das: Herthas Torwart möchte zu gern einmal einen Abschlag unter Zurhilfenahme der eigenen Torlatte zeigen.In einem richtigen Spiel, wenn es um Punkte und Tore geht und viele Menschen zusehen.Kiraly hat es immer mal wieder im Training geübt.Er wirft dann den Ball aus fünf, sechs Metern Entfernung so gegen die Latte, daß der Ball möglichst weit von da ab ins Spielfeld prallt.Man muß kein Fußballer sein, nicht mal Torwart, um zu erkennen, worin der Knackpunkt dieser Übung liegt.Trifft er sie nicht, könnte der Ball vielleicht auch übers Tor gehen, bestenfalls.Das Runde könnte aber auch - schlechterdings - ins Eckige fliegen.Meistens soll es geklappt haben, manchmal nicht.

Also, Herthas Torhüter deutet sein Vorhaben an.Und wer ihn einigermaßen kennt, weiß, daß er in diesem Augenblick nah dran ist, ganz nah sogar.Die Masse im Olympiastadion tobt, aber am Spielfeldrand auch Jürgen Röber, Kiralys Chef.Der Ungar wird sich im Folgenden für die konventionelle Art des Abschlagens beziehungsweise Abwerfens entscheiden.Alles nimmt seinen gewohnten Lauf.Kiraly macht noch ein, zwei Späßchen im Tor, nichts dolles.6:1 endet das Spiel und für Hertha eine hervorragende Saison.Auch Kiralys persönliche Bilanz kann sich sehen lassen.In allen 34 Saisonspielen kassiert er nur 32 Treffer, das sind 0,94 pro Spiel.83 Prozent aller Schüsse auf sein Tor wehrt der Ungar ab und ist damit der beste Torwart der Ersten Bundesliga.Und trotzdem wird dieser Mann nicht ganz zufrieden sein.Genaugenommen wird er sich ärgern, wegen des unversuchten Versuchs.Denn eine bessere Gelegenheit wird sich aus vielen Gründen alsbald nicht auftun.

"Mensch, Gabor, du Pfeife!", wird er sich so oder so ähnlich sagen und fragen: "Warum hast du das Ding nicht gemacht?" Er hat sich einfach nicht getraut.Nicht getraut in einem Spiel, das lange schon gewonnen war, das nie und nimmer mehr kippen konnte, nicht mal mehr, wenn sein Abwurf im eigenen Tor gelandet wäre.Und wenn schon, die 76 000 sind am Sonnabend zum Feiern gekommen.Hertha BSC hatte sich schon vor dem letzten Spieltag einen Platz in der Qualifikation zur Champions League erspielt.Party war angesagt, und Gabor Kiraly hätte zum absoluten Party-Löwen avancieren können.Diese Gelegenheit wird so schnell nicht wiederkommen.

"Ich habe ihm vor dem Spiel schon gesagt: Gabor, wehe! Wenn du das machst, dann wechsle ich mich selbst ein und schicke dich nach Ungarn", erzählt Jürgen Röber später.Nun sei mal dahingestellt, wer denn nun den Vogel im Olympiastadion abgeschossen hätte: Gabor Kiraly mit seinem riskanten Abwurf, oder aber Jürgen Röber, der plötzlich im blau-weiß geringelten Trikot mit dem Ball am Fuß auf das Hamburger Tor zuläuft? Schwer zu sagen.Die Drohung des Trainers, ihn nach Ungarn zu schicken, dürfte dem Torhüter jedenfalls kaum Respekt eingeflößt haben.Denn überliefert ist auch die Antwort Kiralys: "Trainer, ich fahre am Montag doch sowieso nach Hause."

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