Sport : „Er kann dort einfach Jürgen sein“

Kasey Keller, Nationaltorwart der USA, über Klinsmann in Kalifornien und Fußball in Amerika

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Herr Keller, Sie leben mit Ihrer Familie in einem Schloss. Halten Sie das für typisch deutsch?

Natürlich nicht. Es ist einfach nur ein großer Spaß, in einem Schloss zu wohnen, dessen Grundmauern tausend Jahre alt sind. In Amerika geht so was ja nicht.

Gibt es etwas, das typisch deutsch für Sie ist?

Keine Ahnung, Oktoberfest vielleicht. Ich halte nicht viel von diesen Klischees: Angeblich lachen die Deutschen nie. Blödsinn. Die meisten Leute, die ich hier treffe, sind sehr freundlich. Einmal bin ich von einer Polizistin angehalten worden, weil ich zu schnell gefahren bin. Das war die netteste Polizistin, die ich in meinem Leben getroffen habe. Die war richtig glücklich, mir ein Protokoll zu verpassen. Wahrscheinlich war sie Köln-Fan.

Jürgen Klinsmann hat viel Ärger, weil er so selten in Deutschland und in den Bundesligastadien ist. Verstehen Sie das?

Nein, ich glaube, Jürgen hat einen präzisen Plan, was er mit seiner Mannschaft vorhat. Wahrscheinlich weiß er schon jetzt, welche 15 Spieler bei der WM um einen Platz in der Anfangself kämpfen. Dafür muss er nicht jedes Bundesligaspiel sehen. Die wichtigen Informationen bekommt er auch so.

Kennen Sie Klinsmann persönlich?

Er hat früher bei Tottenham gespielt, ich habe früher bei Tottenham gespielt – da bleibt das nicht aus. Außerdem hat er das US-Team eine Zeit lang begleitet.

Klinsmann ist mit Ihrem Nationaltrainer Bruce Arena befreundet. Was verbindet beide?

Bruce weiß genau, was die amerikanischen Spieler brauchen, um ein gutes Spiel spielen zu können. Wenn wir eine Woche im Trainingslager sind, gibt es nur am Abend vor dem Spiel ein gemeinsames Essen. An den anderen Tagen können wir in ein Restaurant gehen oder zu Freunden. Bruce vertraut seinen Spielern. Und mal ehrlich: Welcher Idiot würde das ausnutzen und sich am Abend vor einem Spiel besaufen?

Bei der WM beziehen Sie Ihr Quartier in Hamburg, mitten in der Stadt.

Ja, wunderbar. Da können wir mal rausgehen, einen Kaffee trinken, eine Zeitung kaufen, Menschen sehen. Bei der WM 1998 in Frankreich waren wir auf einem Weingut, irgendwo im Nirgendwo, untergebracht. Es hätte auch ein Weingut in Washington State sein können, du hättest keinen Unterschied festgestellt. Und vor allem hattest du nie das Gefühl, bei der Weltmeisterschaft zu sein.

Das Spiel am Mittwoch in Dortmund könnte für Ihre Mannschaft schon ein Vorgeschmack auf die WM sein.

Ja, absolut. Und ich freu’ mich schon darauf, wenn die Kids aus der MLS …

… der amerikanischen Fußballliga …

… in Dortmund aufs Feld gehen und 65 000 Zuschauer im Stadion sind. Das wird ein guter Test für unsere Jungs, die noch nie unter solchen Bedingungen gespielt haben. Hoffentlich überfordert sie das nicht. Das Ergebnis ist zwar zweitrangig, aber wir wollen zeigen, dass wir mithalten können. Wenn du in Deutschland gegen Deutschland mithalten kannst, kannst du bei der WM in Deutschland auch gegen jede Mannschaft mithalten.

Die USA wollen also Weltmeister werden.

Das ist noch ein Schritt zu weit. An einem guten Tag können wir zwar jeden schlagen. Aber über sieben Spiele jeden schlagen zu können – das ist noch was anderes.

Vor vier Jahren sind die USA erst im Viertelfinale ausgeschieden ...

... gegen Deutschland. Und viele haben gesagt, dass wir besser waren. Aber Kahn hat damals großartig gehalten, und dann gab es da noch diese interessante Schiedsrichterentscheidung: als Frings den Ball mit der Hand abgewehrt hat. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das erlaubt ist. Aber die WM 2002 war sowieso nicht normal. Das war das Turnier der Nobodys. So etwas wird es diesmal nicht geben.

Sind die USA noch ein Nobody?

Wir sind kein Nobody mehr. Aber wir sind auch noch keine Fußballmacht.

Was wird in den USA von Ihnen erwartet?

Nach der Auslosung sind die Erwartungen etwas gesunken: In unserer Gruppe sind drei Mannschaften aus den Top Ten der Weltrangliste. Das ist frustrierend. Aber das schmälert unser Selbstvertrauen nicht. 2002 haben wir Portugal geschlagen, wir haben Deutschland alles abverlangt, also müssen wir uns auch vor Italien und Tschechien nicht verstecken. Außerdem haben wir einen Vorteil. In der MLS beginnt die Saison erst im April. Unsere Spieler werden bei der WM noch richtig frisch sein.

Die meisten Nationalspieler stehen aber in Europa unter Vertrag.

Die Hälfte spielt inzwischen in den USA. Ich bin seit 1989 Nationalspieler, und wie sich der Fußball bei uns seitdem entwickelt hat – das ist phänomenal. Vor 15 Jahren haben wir nur in kleinen Stadien gespielt, damit wenigstens ein bisschen Atmosphäre aufkommt. Heute sind wir enttäuscht, wenn zu einem wichtigen Spiel nicht mindestens 50-, 60 000 Zuschauer kommen. Unser Problem ist nur: Wir können nicht in Los Angeles gegen Mexiko spielen. Dann kommen zwar 100 000 Zuschauer, aber 95 000 jubeln für Mexiko.

Müssen Sie den Menschen in den Staaten noch erklären, was im Sommer in Deutschland passiert?

Nein, nicht mehr. Natürlich werden irgendwelche Fernsehsender wieder ein paar alten Ladys auflauern und sie fragen: „Wie wird das US-Team beim Worldcup abschneiden?“ Die werden dann antworten: „Was? Welcher Worldcup?“ Aber die Mehrheit weiß inzwischen Bescheid. Fußball in den USA hat sich gut entwickelt, aber es ist noch ein weiter Weg. Unsere Liga ist gerade zehn Jahre alt. Wie sah denn eure Bundesliga 1910 aus?

Trotzdem werden Jugendliche in den USA eher Football spielen als Fußball.

Aber jedes Kind in den USA wird in irgendeiner Phase seines Lebens einmal Fußball gespielt haben. Zu meiner Zeit war das noch anders. Ich habe nie mit meinem Vater im Garten gegen einen Fußball getreten. Als ich 1989 nach England ging, hat mein Vater gedacht: „Was zum Teufel macht der Junge da?“ Meine Eltern hatten wirklich keine Ahnung, worum es bei dieser Sportart geht.

Wären Sie lieber Football-Profi geworden?

Ich bereue keine meiner Entscheidungen. Wenn ich allerdings meinen Vertrag gegen den von Shaquille O’Neal eintauschen könnte – okay. Manchmal fantasieren wir in der Nationalmannschaft, was wäre, wenn Fußball der wichtigste Sport in den USA wäre und wir die wären, die wir sind. Der Baseballer Alex Rodriguez kassiert 252 Millionen Dollar für zehn Jahre. Er könnte Borussia Mönchengladbach kaufen. Mehrmals.

Stimmt es eigentlich, dass Romario einmal gesagt hat, es sei eine Ehre gewesen, mit Ihnen auf dem Feld zu stehen?

Ja, das stimmt. Jeder Spieler hat wahrscheinlich so ein Schicksalsspiel. Meins war das gegen Brasilien, den Weltmeister, 1998 beim Gold-Cup. Ich habe einfach alles gehalten, und nach zwei oder drei Paraden hintereinander, kam Romario zu mir und schüttelte mir die Hand. Mitten im Spiel! Ich weiß nicht, ob Romario überhaupt wusste, was er da tat. Das war total verrückt.

Werden Sie in den USA inzwischen auf der Straße erkannt?

Es passiert immer häufiger. Allerdings kennen die Leute eher meinen Namen als mein Gesicht, weil ich nicht so oft im US-Fernsehen zu sehen bin. Die meisten erkennen mich, wenn ich mit meiner Kreditkarte bezahle.

Kennen die Menschen in den USA Michael Ballack?

Natürlich nicht!

Und Jürgen Klinsmann?

Hey, Jürgen hat mir eine großartige Geschichte erzählt, vom Fußballtraining seines Sohnes. Einer der Väter sprach darüber, was man im Training machen könnte. „Jürgen!“, sagte er. „Du bist doch Deutscher, oder? Du musst doch über diesen Sport Bescheid wissen. Was sollen wir mit den Kids machen?“ Genau das ist der Grund, warum Jürgen dort lebt.

Weil niemand weiß, wer er ist.

Genau. Ich habe einige Bekannte aus der Musik- und Filmszene, wirklich prominente Leute. Die sagen mir: „Wenn du diesen Beckham mal triffst, sag ihm: Er interessiert uns nicht.“ Ich meine, Beckham geht in Beverly Hills in ein Geschäft und verlangt, dass der Laden für ihn zugeschlossen wird. Gleichzeitig spaziert George Clooney herein, sagt Hi und geht wieder. Also: Wer zum Teufel ist dieser Typ, dass er meint, den Laden für sich haben zu können? Los Angeles kümmert sich einen Scheißdreck. Los Angeles ist die Stadt der Reichen – und der Noch-Reicheren. Wenn du denkst, du bist eine große Nummer, guckst du um die Ecke und siehst fünf Typen, die noch viel größer sind als du. Deshalb lebt Jürgen dort. Er kann dort einfach Jürgen sein. Jürgen, the German.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

Kasey Keller (36) spielt seit 2004 für Borussia Mönchengladbach. Zuvor stand der US-Nationalkeeper

unter anderem für

Tottenham Hotspur und den FC Southampton im Tor.

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