Sport : Er ließ nur Max Schmeling gelten

Eckhard Dagge, Deutschlands zweiter Boxweltmeister, ist tot – sein größter Kampf war 1976 in Berlin

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Berlin - In der engen und kargen Umkleidekabine, einer Gefängniszelle ähnlich, sprach jemand von Bubi Scholz. „Wer ist Schubi Bolz?“ Eckhard Dagges Frage klang so verächtlich wie sie gemeint war. Für den neuen Champion gab es an jenem Abend in der Berliner Deutschlandhalle, am 18. Juni 1976, nur noch einen Namen, den er über seinem gelten ließ: Max Schmeling, selbst wenn er sich reichlich respektlos die Bemerkung nicht verkneifen wollte: „Schmeling hat seinen Titel im Liegen gewonnen, ich im Stehen.“ Der damals 28-jährige Holsteiner mit den langen Storchenbeinen und den eiskalten Augen hatte nach 46 Jahren und sechs Tagen der Ikone den Nimbus geraubt, einziger deutscher Boxweltmeister zu sein. Als der Bahamas-Boxer Elisha Obed in der zehnten Runde wegen angeblicher Sehstörungen den Titelkampf im Junior-Mittelgewicht aufgab, trat die ziemlich groteske Situation ein, dass dem deutschen Berufsboxsport ausgerechnet in der Phase seiner bis dahin größten Krise der zweite Weltmeister beschert wurde.

Der direkte Nachfolger Max Schmelings als deutscher Boxweltmeister, wenn auch drei Gewichtsklassen tiefer, ist in der Nacht zum Dienstag in einem Hamburger Hospiz an einem Krebsleiden gestorben – ein Jahr und zwei Monate nach dem Tod Max Schmelings. Der erste deutsche Boxweltmeister war schon 99 Jahre, der zweite erst 58.

Auftrieb für die notleidende Branche? Ansehen wie Max Schmeling? Die Fragen der Reporter interessierten Dagge am Abend seines größten Triumphes herzlich wenig. Für derlei Spekulationen und Sentimentalitäten hatte der „Kühle aus dem Norden“ nichts übrig. Der Wahlberliner, so sein Bekenntnis, siegte allein für sich und sein Bankkonto. Nicht für Deutschland. „Dort boxen, wo es die meiste Kohle gibt“, lautete sein Credo. Dagge hegte im Augenblick seines größten Erfolges allein kommerzielle Gefühle. Er gab sich ganz cool und verlangte nach seinem Sieg noch nicht einmal nach Sekt, sondern nach Selters.

Allgemeines Erstaunen in der Jubelrunde, war Eckhard Dagge doch bekennender Alkoholiker. Voller Selbstironie wertete Dagge seinen Erfolg mit einem Satz, mit dem er sich mehr als mit seinem Titel in der deutschen Boxgeschichte verewigt hat: „Es hat viele Weltmeister gegeben, die Alkoholiker geworden sind, aber ich bin der einzige Alkoholiker, der Weltmeister wurde.“

Im Junior-Mittelgewicht (Limit 69,8 Kilogramm) fühlte sich der Schlaks dank seiner Körpergröße und seiner physischen Härte als „der stärkste der Welt“. Für diesen Vorteil musste er immer wieder abnehmen. Dagge wusste aber, dass in seiner Gewichtsklasse in jener Zeit selbst die elegantesten Techniker an seiner masochistischen Zähigkeit zerbrachen. Im Jahr zuvor hatte der Spanier Jose Duran, mittlerweile WBA-Weltmeister, im EM-Kampf in der neunten Runde demoralisiert aufgegeben, obwohl er seinem deutschen Herausforderer zuvor eine Boxlektion erteilt hatte. Auch Obed, der WBC-Weltmeister, lag bei allen drei Punktrichtern noch mit zwei Punkten vorn, als er in der 10. Runde plötzlich abdrehte, weil er, wie er klagte, nichts mehr sehen konnte. Dagge verlor seinen Titel ein Jahr später, am 6. August 1977, in Berlin gegen den Italo-Amerikaner Rocco Mattioli durch K. o. in der 5.Runde. Er war 414 Tage lang Champion. Zwischendurch hat er seine Weltmeisterschaft gegen den einstigen, großen Champion Emil Griffith verteidigt (Punktsieg nach 15 Runden). Als Amateur hatte es für den Holsteiner zweimal zur deutschen Vize-Meisterschaft gereicht (1971, 1972). Bei der EM 1971 in Madrid scheiterte er an Manfred Wolke, dem späteren Meistertrainer von Henry Maske. 1973 wurde Dagge beim ehemaligen Scholz-Manager Fritz Gretzschel Profi. Er bestritt 32 Kämpfe, von denen er 26 gewann. Nach dem verkündeten Karriereende 1978 versuchte der im Hamburger Rotlicht-Milieu lebende Boxer 1981 ein Comeback und trainierte im Keller-Gym der „Ritze“ auf der Reeperbahn. Zwischen Saufen und Sandsack, zwischen Delirium und Draufhauen versuchte Dagge, wieder in Form zu kommen. „Der war völlig animalisch“ urteilte Dagges früherer Trainer Bubi Dieter. „Er hat drei Tage durchgemacht, sich dann morgens ins Taxi gesetzt, und ist, blau, wie er war, zum Training gefahren. Dann hat er sie alle in Grund und Boden trainiert.“

Mit 33 Jahren beendete Dagge seine Karriere. „Ich habe in meinem Kopf rund 150 Nähte. Nun reicht’s. Ich mache Schluss.“ Er blieb in der Hamburger Milieu- und Boxszene, trainierte Dariusz Michalczewski von dessen Profidebüt 1991 an bis zu seinem Rauswurf drei Jahre später wegen seiner Alkohol-Eskapaden. Über viele Boxgrößen und -nieten wurden Filme gedreht. Eckhard Dagges wildes Leben wäre hollywoodreif.

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