Sport : Er will nicht nachtreten

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Von Erik Eggers

Christoph Daum hat gewonnen. Und er hat verloren. Gewonnen hat er im Koblenzer Prozess, verloren hat er wegen des Falls aber mehrere Jobs als Trainer, zuletzt den in der Türkei. So will nach dem Sieg vor Gericht keine rechte Jubelstimmung aufkommen. Einen Sieg hätten nur seine Verteidiger errungen, erklärt der Fußballtrainer matt: „Alle anderen Teilnehmer sind eigentlich Verlierer." Vor Fernsehkameras sagt er: „Ich bin gevierteilt worden, geteert und gefedert." Er könne jetzt nicht in „Jubel-Arien" ausbrechen, dazu sei „zu viel kaputtgegangen".

Sechs Monate und 30 Prozesstage lang hat der Ex-Fastbundestrainer im Schwurgerichtssaal Nummer 218 im Koblenzer Landgericht ausgeharrt, angeklagt des Kokainbesitzes in 63 Fällen und der Anstiftung zum Erwerb in ebenso vielen Fällen.

Sechs Monate lang ist Daum Woche für Woche aus Istanbul, wo er bis letzte Woche den traditionsreichen Klub Besiktas trainierte, in diesen Raum mit dem Charme einer abgerissenen Bahnhofshalle aus den 50er Jahren eingeflogen. Eine grüngelbe Patina klebt hier an den Wänden, in den angelaufenen Fenstern kleben zwecks Abdunkelung bräunliche Pappen, die Fensterbänke sind teils abgebrochen.

Gewonnen und verloren

Das Verfahren löste sich in nahezu nichts auf, nachdem der Richter den gemeinsamen Vorschlag von Verteidigung und Staatsanwaltschaft akzeptiert hatte, die unterschiedlichen Vorwürfe gegen den Fußballtrainer getrennt zu verhandeln. Die Anklage wegen Anstiftung zum Kokain-Handel und Drogenbesitzes in 51 Fällen war nicht mehr haltbar. Sie basierte auf der umstrittenen Haaranalyse des Kölner Rechtsmediziners Herbert Käferstein. Staatsanwalt Ludger Griesar beantragte hier schließlich selbst Freispruch.

Anders gelagert war die Sache bei dem Drogenkonsum, den Daum selbst eingestanden hatte. Eine Schamhaar-Untersuchung ließ laut seinem Anwalt darauf schließen, dass er zwölf Mal innerhalb eines Jahres zum Kokain gegriffen hatte. Richter Ulrich Christoffel erkannte auf unerlaubten Drogenbesitz und stellte das Verfahren gegen eine Geldauflage ein. Daum habe angekündigt, er werde die 10 000 Euro den beiden Jugendvereinen in Köln „noch heute“ überweisen, sagte Christoffel. Ein entscheidender Punkt für Daum ist, dass er durch das Verhandlungsergebnis nicht vorbestraft ist. Sonst hätte er die Trainerlizenz verlieren können.

Und nun, wo alles zu Ende ist, wirkt Christoph Daum so, als könne er es immer noch nicht begreifen. Ulrich Christoffel, der Vorsitzende Richter, der während des ganzen Prozesses eher die schlechte Karikatur eines Juristen abgab, hat ihn just gefragt, ob er noch ein abschließendes Wort sagen wolle.

Christoph Daum, der einen gefassten Eindruck abgibt, will. Zögernd aktiviert er das vor ihm stehende Mikrophon, wartet ein paar Sekunden. Dann hebt er an. „Ich habe hier die schwierigste Zeit meines Lebens durchgemacht“, sagt er, „mehr als ein halbes Jahr habe ich unschuldig gelitten". Dann verfällt er in das gewohnte Fußballvokabular; „psychisch und physisch“ betont er, habe er „Strapazen erlebt, die kann man mit Worten nicht ausdrücken". Obwohl er gewonnen hat: Nachtreten will Daum nicht. Er sehnt ein baldiges „Ende herbei, damit ich wieder in die Zukunft blicken kann".

Und die Zukunft liegt nach Angaben Daums nicht fern. „Es haben sich in der letzten Zeit einige Vereine bei mir gemeldet“, sagt er hinterher. Ob er sich vorstellen kann, wieder Bundesligatrainer zu werden, wurde er gefragt. Seine Antwort: „Das ist vorstellbar." Noch aber sitzt er vor Gericht. Ganz zum Schluss hebt er noch einmal an, es folgt das Wort zum Sonntag: „Ich verspreche“, sagt er mit betretener Miene, „dass ich aus meinen Fehlern gelernt habe."

Der finale Satz des Richters lautet: Freispruch, die entstandenen Kosten übernimmt der Staat. Spontan applaudieren die etwa 40 Zuschauer aus Koblenz, Christoph Daum nimmt die Entscheidung indes fast stoisch entgegen. Er schaut nicht einmal auf, sondern widmet sich weiterhin seiner Lieblingsbeschäftigung während aller Verhandlungstage: Er kritzelt sein Notizbuch voll.

Die Begründung des Richters für den letztlich erwarteten Freispruch: „Dieser Prozess hätte nicht stattfinden müssen." Vor allem der letzte Verhandlungstag am vorigen Dienstag, als der Münchner Rechtsmediziner Hans Sachs den Fußballtrainer in einem Gutachten entlastet hatte ("kein intensiver Konsum"), bewog die Staatsanwaltschaft letztlich zur Einsicht, dass Daum tatsächlich nur ein gelegentlicher Konsum nachgewiesen werden könne. So „endet dieses Verfahren nun leise“, meinte Richter Christoffel, leiser jedenfalls als der Medienjazz, der die positive Kokainprobe Daums und den anschließenden Prozess begleitet hatte. Alle Parteien, lobt Christoffel abschließend, hätten zu diesem sachgerechten Ende beigetragen.

Ein in der Tat unspektakuläres Ende. Als letzter im Saal steht Daum auf und geht auf die drei Richter zu. Er gibt ihnen die Hand, offenbar will er sich für das faire Verfahren bedanken. An dem Staatsanwalt Grieser, der diesen Prozess mit seltsamen Anträgen in die Länge gezogen hat, geht er wortlos vorbei, würdigt ihn keines Blickes. Hinterher berichtet er dem zitatgierigen Schlund der Kameras: „Ich habe nie an der Gerechtigkeit der deutschen Justiz gezweifelt." Obwohl er hätte zweifeln können. Schließlich sind wahrlich hanebüchene Prozesstage ins Land gegangen in Koblenz, inklusive eines schauspielreifen Auftritts von Reiner Calmund, des Managers von Bayer Leverkusen, der zwar wie gewohnt viele Sprüche völlig ungebremst auf den Richter losließ ("Was der Christoph Daum da erlebt hat, das war dessen persönlicher 11. September"), der zum eigentlichen Prozessgegenstand indes nichts, aber auch gar nichts beizutragen hatte.

Aber der Prozessverlauf wird nicht hängenbleiben im kollektiven Gedächtnis Fußball-Deutschlands. Christoph Daum wird ewig der ehedem koksende Fast-Bundestrainer bleiben. Dieser Prozess ist nicht nur für Christoph Daum eine Farce gewesen.

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