Sport : Er wird Großbritannien fehlen

Snooker-Profi Paul Hunter ist mit 27 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben

Erik Eggers

Köln - Alle hatten gehofft, der schmale Mann mit den blonden langen Haaren würde bald zurückkehren. Alle hatten sich gewünscht, er würde seinem Ruf, sagenhafte Comebacks zu feiern, auch abseits der Snooker-Tische gerecht werden. Als Paul Hunter im April 2005 der Öffentlichkeit seine Darmkrebserkrankung mitteilte, widmeten die britischen Zeitungen dem Charismatiker aus Leeds ganze Seiten.

Nicht nur seine vielen Fans – in Großbritannien verfolgen Millionen die Königsdisziplin des Billards –, auch seine Konkurrenten wünschten ihm das Beste. Doch zuletzt häuften sich die schlechten Nachrichten. Im Juli hatte sich Hunter zurückgezogen aus der Maintour, der Gruppe der 96 besten Spieler der Welt. Am Sonntag nun hat Paul Alan Hunter, der wegen seines schillernden Rufes der „Beckham des grünen Filzes“ genannt wurde, seinen letzten Kampf verloren. Fünf Tage vor seinem 28. Geburtstag starb er in einem Hospiz in Huddersfield. Er hinterlässt eine Frau und ein zehn Monate altes Kind.

Die Szene reagierte geschockt. „Diese Nachricht zerstört mich“, sagte der siebenmalige Weltmeister Stephen Hendry, „seine Familie ist so jung, und er hatte eine solche große Zukunft vor sich.“ Als großen Verlust bezeichnete John Parrott, der Weltmeister von 1991 und BBC-Kommentator, den Tod seines Kollegen. „Paul hat das Spiel immer mit einem Lächeln im Gesicht gespielt. Er war ein leuchtender und sprudelnder Charakter, der sich niemals über etwas beschwert hat. Keiner wird ihn vergessen.“

Hunter war schon als 16-Jähriger Profi geworden. Ein Jahr später schoss er in die Weltspitze des Snooker, als er den damals fast unschlagbaren Stephen Hendry bei den Welsh Open besiegte – noch nie zuvor hatte ein 17-Jähriger Ähnliches im Snooker erreicht. Als er 1998 dieses Weltranglistenturnier gewann, hatte er sich etabliert in der Weltspitze. Danach führte das Wunderkind das Leben eines Showstars, trainierte zu wenig und stürzte tief.

Doch im Jahr 2001 feierte Hunter, nun geläutert und asketischer lebend, ein atemberaubendes Comeback: Beim Wembley Masters holte er im Finale gegen Fergal O’Brian einen 3:7-Rückstand auf und siegte mit 10:9. Es war der Auftakt zu einem Hattrick der besonderen Art, das Masters wurde „sein Turnier“. Das Finale von 2002 gegen Mark Williams gewann er mit dem gleichen Ergebnis, obwohl er 0:5 zurückgelegen hatte.

Zu einer Sensation geriet ein Bekenntnis Hunters nach dem Masters-Finale von 2004, das er nach 2:7-Rückstand noch zu einem umjubelten 10:9-Sieg gegen Ronnie O’Sullivan drehte. Er sei zwar nicht in der Laune gewesen, aber in der Pause habe er im Hotel mit seiner Freundin Sex gehabt, um „die Spannung etwas zu lösen“. Das Ganze habe nur zehn Minuten gedauert, berichtete er freimütig, „aber ich fühlte mich großartig danach, und dann habe ich gespielt wie in einem Traum“.

Der britische Boulevard jauchzte, die Teenager himmelten ihn an. Umso größer der Schock, als vor 18 Monaten seine Krebserkrankung bekannt wurde. Im April, als er in der ersten Runde der Weltmeisterschaft sein letztes Spiel als Profi bestritt, standen vielen Zuschauern im Crucible-Theatre zu Sheffield Tränen in den Augen. Am Sonntag hat der englische Sport eine seiner schillerndsten Figuren verloren.

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