Sport : Erbarmungslos gut

Der Schweizer Roger Federer lässt Andre Agassi keine Chance und gewinnt souverän das Tennis-Masters

Stefan Liwocha

Houston. Am Ende einer brillanten Vorstellung stand ein Ausrufezeichen. Roger Federer hätte das Match gegen Andre Agassi in vielen Varianten beenden können. Er tat es mit einem Ass. Kraftvoll und erbarmungslos, voller Energie und Selbstvertrauen. Als der neue Champion die Kristall-Trophäe emporstreckte, muss er sich im ersten Moment wie in einem Traum vorgekommen sein. In nur 88 Minuten hatte der Wimbledonsieger den Altmeister aus den USA einfach abserviert. 6:3, 6:0, 6:4 im Finale des ATP Masters Cup, der inoffiziellen Tennis-Weltmeisterschaft der Herren.

So chancenlos hat man den Returnspezialisten selten in einem Endspiel gesehen. Was immer Agassi auch versuchte, Federer antwortete mit genialen Schlägen. Wo immer der Amerikaner den Ball auch hinspielte, der Youngster stand schon da. Elf Jahre trennen die beiden, am Sonntag waren es Welten. Agassi wollte auch gar nichts schönreden. Es spricht für die Klasse des Amerikaners, dass er die überaus harte Arbeitswoche nach zweimonatiger Babypause nicht als Ausrede gelten ließ. „Ich musste viel Tennis spielen, und am Schluss habe ich nicht mein oberstes Niveau erreicht", sagte Agassi. „Dies soll aber nicht falsch interpretiert werden. Roger war hier bei weitem der beste Spieler, vom Anfang bis zum Ende."

Agassi schien den Stab weiterreichen zu wollen an den jungen Tennisprofi aus Basel, der den Generationswechsel im Herren-Tennis wie kein anderer verkörpert. „So sieht der moderne Tennispieler aus“, lobte Fernseh-Kommentator Patrick McEnroe den 22-Jährigen, der im Westside Tennis Club von Houston neue Verehrer und den Spitznamen Federer Express gewann. In der Weltrangliste führt US-Open-Champion Andy Roddick nur noch mit 32 Punkten vor Roger Federer, und es scheint nach dem Gala-Auftritt in Texas nur eine Frage der Zeit zu sein, wann der Schweizer die Nummer eins ist.

Der Champion konnte sein Glück gar nicht fassen. Er sprach von einem „fantastischen Match“, von einem der besten Auftritte seiner Karriere. Roger Federer hatte sich in Houston selbst übertroffen. „Sieben Titel auf vier verschiedenen Belägen, mein erster Grand Slam, Nummer zwei in der Welt“, mit ungläubiger Stimme zählte der Schweizer seine Heldentaten des Jahres 2003 auf. Beim Saison-Abschlussball der acht besten Männer der Welt spielte der Schweizer mit einer Leichtigkeit, die seine Gegner so manches Mal verzweifeln ließ.

Beim Sieg im dramatischen ersten Gruppenspiel gegen Agassi, in dem er sogar zwei Matchbälle abgewehrt hatte, gewann Federer das Selbstvertrauen, das ihn zum Masters-Cup-Triumph führte. Gegen David Nalbandian (Argentinien), Juan Carlos Ferrero (Spanien) sowie im Halbfinale gegen den Weltranglistenersten Andy Roddick benötigte der Baseler jeweils nur zwei Sätze. Dann machte er im Best-of-five-Finale mit Agassi kurzen Prozess, kassierte dafür mit 1,52 Millionen Dollar den höchsten Siegerscheck seiner Karriere sowie obendrein noch einen Sportwagen. „Ich dachte, ich hätte die schwerste Gruppe erwischt, und dann gewinne ich alle fünf Matches, Wahnsinn“, sagte der Schweizer Jungstar, der damit in einen illustren Kreis aufstieg. Das Kunststück, ohne Niederlage beim Jahresabschluss-Turnier zu bleiben, war zuvor nur dem Tschechen Ivan Lendl (1986, 1987), dem Deutschen Michael Stich (1993) und dem Australier Lleyton Hewitt (2001) gelungen.

Im großen Finale ließ sich Federer auch durch eine zwei Stunden und 38 Minuten dauernde Regenpause nicht aus dem Rhythmus bringen. Der Schweizer hatte mit 6:3, 2:0 (30:0 im dritten Spiel) geführt, ehe eine Wolkenbruchserie die Freilichtveranstaltung unterbrach. Es war nicht der erhoffte himmlische Beistand für den Amerikaner, der bei der Fortsetzung des Matches gleich vier Spiele in Folge abgab. 0:6 – diese Höchststrafe hatte Agassi zuletzt bei den French Open 2000 erhalten.

Der 33-Jährige, der über vier anstrengende Dreisatzsiege ins Finale vorgedrungen war, musste letztlich den fehlenden körperlichen Kräften Tribut zollen. Agassi bemühte sich zwar, doch mit Federers Break zum 5:4 war eine Vorentscheidung gefallen. „Besser kann man nicht spielen, er hat in den wichtigen Situationen das Richtige gemacht“, lobte Agassi. „So handeln große Spieler.“

Dieses Kompliment dürfte auch Jim McIngvale in den Ohren geklungen haben. Der exzentrische Milliardär, dessen Einflussnahme Houston die umstrittene Ehre als Ausrichter des Masters Cup verdankte, hatte Federer zum Turnierauftakt beschimpft, weil dieser die Kritik aller Kollegen an der Anlage und dem Platz öffentlich ausgesprochen hatte. „Möglicherweise hat mir dieser Zwischenfall geholfen“, sagte Federer. Dass ihm McIngvale bei der Siegerehrung nicht ausdrücklich gratulierte und ihn während seiner ausufernden Rede minutenlang auf der Spielerbank sitzen ließ, war Federer da schon egal.

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