Sport : Erfolg auf Pump

Sportlich oben, finanziell unten – wie die Handballer des HSV Hamburg für ihre Zukunft kämpfen

Hartmut Moheit

Berlin - Verwundert zeigte sich Bernd- Uwe Hildebrandt, als er die angeforderte Liquiditätsrechnung auf den Tisch bekam. Der Chef der Handball-Bundesliga sah, dass der HSV Hamburg darin für das erste Quartal ein Plus von etwa 10 000 Euro ausgewiesen hatte. „Das würde mich schon sehr wundern bei den Verbindlichkeiten des Klubs“, sagte Hildebrandt skeptisch. Schließlich weiß man in der Handball-Szene schon länger, dass die Hamburger zwar sportlich ganz oben stehen, aber finanziell ganz unten.

HSV-Präsident Heinz Jacobsen bemühte sich zwar zu versichern, dass bei der angegebenen Rechnung alles in Ordnung sei, weil sie von einem Wirtschaftsprüfer abgesegnet wurde. Aber bei der gestrigen Liga-Tagung in Hamburg konnte der HSV Hildebrandt, der auch Manager des SC Magdeburg ist, nicht überzeugen. „Noch ist der HSV längst nicht aus allen Problemen heraus, wir haben dem Klub deshalb eine weitere Frist gesetzt, um die noch offenen Fragen zu klären“, sagte Hildebrandt.

Schließlich belasten die Norddeutschen noch Altlasten in Höhe von zwei Millionen Euro, die es abzubauen gilt. Bis vor wenigen Wochen konnten nicht einmal die Gehälter gezahlt werden. Und das auch noch bei einem Saisonetat von brutto 4,6 Millionen Euro, der noch längst nicht gedeckt ist. Das war der kritischste Punkt beim HSV, der erst 2002 wegen der erwarteten wirtschaftlichen Vorteile, in der großen Color Line Arena spielen zu können, komplett aus Bad Schwartau umgesiedelt worden war. Damals war der HSV auch sportlich ganz unten. Jetzt, nach dem wundersamen Aufstieg zum Supercupgewinner und Bundesliga-Top-Team, machte das Wort „Wettbewerbsverzerrung“ die Runde. Wie konnte sich der HSV in dieser prekären Lage überhaupt eine derart teure Mannschaft leisten?

Nicht wenige meinten, dass unter diesen Umständen eine Lizenzerteilung nicht hätte erfolgen dürfen. So kündigte Hildebrandt an, „die im Mai stattgefundene Lizenzvergabe zu überprüfen und möglicherweise einen Punktabzug auszusprechen“. Daraufhin beklagte sich der ehemalige Geschäftsführer Klimek: „Ich finde, die Solidarität in der Liga fehlt.“

Aber offensichtlich haben es die Verantwortlichen verstanden, die größte Gefahr selbst abzuwenden. In letzter Minute wurde die Hallenmiete überwiesen, das Spiel gegen den Meister Flensburg-Handewitt konnte am vergangenen Dienstag stattfinden. Der HSV gewann nach großem Spiel. Alle versprühten danach Zuversicht: „Ich habe mein Geld bekommen, die Stimmung im Team ist gut und überhaupt, was soll ich mir den Kopf zerbrechen?“, sagte Pascal Hens. Sein Manager hatte vorsorglich verkündet, dass er den derzeit verletzten Nationalspieler locker anderweitig unterbringen könne.

Hens verfolgt als Zuschauer gebannt das, was das Team in acht Spielen der neuen Saison unter Trainer Bob Hanning geleistet hat. Heute kommt es vor 10 000 Fans in der Kieler Ostseehalle gegen den THW zu einem weiteren Höhepunkt. „Wir haben keinen Druck, bleiben so oder so Tabellenführer“, sagt Hanning.

Den Druck beim HSV haben nach wie vor andere, wenn auch der Weg in eine solidere Zukunft eingeschlagen wurde. Auf einer Gesellschafter-Versammlung in Lübeck wurde Wilfried de Buhr als neuer Geschäftsführer bestimmt, der zugleich als Investor bei den Hanseaten einsteigt. Für rund 500 000 Euro wird de Buhr seinem Vorgänger Winfried M. Klimek zunächst 25,1 Prozent der Anteile vom wirtschaftlichen Träger Omni Sport GmbH übernehmen, die restlichen 44,9 Prozent von Klimek werden einem Treuhänder, dem Hamburger Rechtsanwalt Arnd-Joachim Westphalen, übergeben. Damit ist das Konfliktpotenzial nicht beseitigt, aber de Buhr spricht vom „möglichen Neuanfang“. Dazu soll auch ein fünfköpfiger Aufsichtsrat beitragen, der nun nach einer Satzungsänderung der Gesellschafterversammlung gebildet werden kann. Zunächst wurden somit Gelder für die gröbsten Außenstände frei.

Gesellschafter Westphalen ist mittlerweile so optimistisch wie die Handballer selbst: „Die Basis ist die Mannschaft, und die stimmt. Dass sie in dieser Situation toll spielt, ist viel wert. Wenn jetzt Ruhe ins Umfeld kommt, und die Gehälter pünktlich gezahlt werden, ist der HSV gar nicht mehr aufzuhalten.“

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